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Die neuen Ideen

Fähndrich und Kaufmann – Capablanca und Réti
Wiener Schachklub 1914

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.exd5 exd5 5.Ld3 c5 6.dxc5 Lxc5 7.Lg5 Le6 8.Sf3 Sc6 9.O-O O-O 10.Se2 h6 11.Lh4 Lg4 12.Sc3 Sd4 13.Le2 Sxe2+ 14.Dxe2 Ld4 15.Dd3 Lxc3 16.Dxc3 Se4 17.Dd4 g5 18.Se5 Lf5 19.Lg3 Sxg3 20.hxg3 Lxc2 21.Sg4 Db6 22.Sf6+ Kh8 23.Dxb6 axb6 24.Sxd5

1922 erschien das schachhistorisch bedeutendste Werk des 20. Jahrhunderts, Richard Rétis „Die neuen Ideen im Schachspiel“. Es ist eine Sammlung von kleinen Aufsätzen. Vermutlich recycelte Réti darin ältere Artikel aus seinen Schachspalten.

Er beschreibt die Entwicklung, die das Schachspiel in den hundert vorangehenden Jahren gemacht hatte. Er fängt damit an, dass die Spieler vor Morphy geistlos alles angriffen und womöglich frassen, was in der Gegend herum stand, und führt als abschreckendes Beispiel Kieseritzkys Spiel in der „Unsterblichen“ gegen Anderssen an. Dann zeigt er anhand Morphys Partien, wie das Prinzip, mit jedem Zug eine Figur zu entwickeln, entstand. Er demonstriert anschliessend, wie Steinitz dieses Prinzip relativierte, weil es in geschlossenen Stellungen „in erster Reihe nicht auf die Figurenentwicklung, sondern auf gewisse dauernde Positionsmerkmale ankomme.“ Insbesondere auf das, was man heutzutage Raumvorteil nennt. Im zweiten Teil kommt er auf die „neuen Ideen“ zu sprechen und stellt fest: „Beim eingehenden Studium der Partien Capablancas erkannte ich schliesslich, dass er an Stelle des Morphyschen Prinzips, in der Eröffnung möglichst rasch alle Figuren zu entwickeln, nach einem anderen Prinzip spiele, nämlich, in jeder Stellung einen möglichst positionsgemässen Plan als Leitfaden zu haben. Jeder Zug, der den Plan nicht fördert, auch wenn er eine Figur entwickelt, ist Tempoverlust.“

Aufgrund dieser Erkenntnis war es ihm „möglich, folgende kurze Partie zu spielen:“ 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Lc5 4.Sxe5 Sxe5 5.d4 Lxd4 6.Dxd4 Df6 7.Sb5! Kd8 8.Dc5 1-0. Offenbar bekam die Gewinnkombination 7.Sb5 ein Ausrufezeichen, weil er den Springer ein zweites Mal zog, ohne zuvor die anderen Figuren entwickelt zu haben.

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.exd5 exd5 5.Ld3 c5 6.dxc5 Lxc5 7.Lg5

Er bringt diese Partie im Hinblick auf die Stellung, die nach dem 14. Zug von Weiss entstand. Ich fühle mich jedoch bemüssigt, auch andere Züge zu kritisieren, z.B. diesen; Ist er nun ein geistloser Entwicklungs- oder ein geistloser Angriffszug? Er droht scheinbar, auf f6 zu schlagen, was Capablanca und Réti veranlasste, den Bd5 – nota bene mit einem Entwicklungszug – zu decken. Der Zug droht genau nichts, Schwarz konnte bequem rochieren. Nimmt Weiss auf f6, gibt Schwarz ein Zwischenschach, schlägt dann mit der Dame zurück und droht auf f2 Matt.

Zudem droht nach 7…O-O dieses Turmschach, 8.Sge2 geht wegen 8…Lxf2+ nicht. Weiss hat bereits seine Probleme. Z.B. 8.Dd2 h6 9.Lh4 d4, und hier geht 10.Se4 wegen 10…Sxe4 nicht. Nach 10.Sce2 Te8 steht Schwarz gut.

7.Sf3 war der angemessene Zug.

7…Le6 8.Sf3 Sc6

8…h6 9.Lxf6 Dxf6 10.Lb5+ Sc6 11.Sxd5 Lxd5 12.Dxd5 Lb4+ gäbe Schwarz eine Menge Kompensation. Angezeigt wäre 13.Kf1 O-O, es sei denn, er will 13.c3 Lxc3+ 14.bxc3 Dxc3+ 15.Ke2 Db2+ 16.Sd2 O-O 17.Thb1 Sd4+ 18.Ke1 Dc3 19.Tc1 Sc2+ 20.Kf1 Tad8 21.Dc4 Dxc4+ 22.Sxc4 Sxa1 23.Se3 riskieren.

Abgesehen davon würden die meisten 8…O-O ziehen, denn dieser Zug muss so oder so kommen, während der Springer sich die Wahl zwischen c6 und d7 vorbehält.

9.O-O O-O 10.Se2

Grauenhaft. 10.Dd2 oder 10.Te1 waren angebracht. Die Kontrahenten weichen vom Entwicklungsprinzip ab, weil sie einen „stellungsgemässen“ Plan haben, nämlich den, das Feld d4 zu kontrollieren…

10…h6 11.Lh4 Lg4

…was sich hiernach als illusorisch heraus stellt.

12.Sc3 Sd4

In der korrekten Erkenntnis gespielt, dass 13.Lxf6 Dxf6 14.Sxd5 Dd6 15.c4 nicht spielbar ist. Allerdings verpflichtet sich Schwarz dazu, demnächst diesen Springer abzutauschen, was man gemäss meinem Tauschverbot nicht freiwillig tun sollte. Mit 12…g5 13.Lg3 Te8 liesse sich eher auf einen Vorteil spielen.

13.Le2 Sxe2+ 14.Dxe2

„Hiemit war eine Stellung erreicht, in der man die Möglichkeit hatte, eine bisher unentwickelte Figur zu entwickeln, und zwar sogar mit Angriff. (14…Te8) Nach den Prinzipien der damals geltenden Schachtechnik, in der ich aufgewachsen war, die für offene Stellungen noch fast völlig mit Morphys Ideen übereinstimmte, hätte jeder Meister, ohne sich zu bedenken, hier diesen Zug gewählt. Zu meinem grossen Erstaunen wollte Capablanca aber diesen Zug, den ich für selbstverständlich hielt, überhaupt nicht in Betracht ziehen. Und er fand schliesslich folgendes Manöver, durch welches er mindestens ein Verschlechterung der weissen Bauernstellung und dadurch in weiterer Folge den Sieg erzwang.“

14…Ld4

In der Tat führt 14…Te8 15.Dd3 nur zum Ausgleich. Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass nun d5 hängt. Man sollte eben den Gegner nicht zu Gegenangriffen zwingen.

Eher im Sinne Capablancas war aber 14…Tc8 mit der Idee 15.Dd3 Lxf3 16.Dxf3 Ld4 17.Lxf6 Dxf6 18.Dxf6 Lxf6 19.Sxd5 Txc2 20.Sxf6+ gxf6 was zwar auch nicht gewinnt, aber etwas Druck macht.

15.Dd3 Lxc3 16.Dxc3 Se4 17.Dd4 g5 18.Se5 Lf5

Hier enden Rétis Erörterungen. Somit hatte Capablanca „eine Verschlechterung der weissen Bauernstellung erzwungen.“ Welche denn genau? Es kann sich nur um…

19.Lg3 Sxg3 20.hxg3 Lxc2

…handeln. Zu Rétis Pech führt das zu gar nichts, wegen

21.Sg4 Db6 22.Sf6+ Kh8 23.Dxb6 axb6 24.Sxd5.

Das Beispiel lasse ich als prägendes Erlebnis Rétis durchgehen – er war damals 25 Jahre alt – und ich glaube ihm, dass es seine Denkweise im Schach nachhaltig beeinflusst hat. Seine Schlussfolgerung mit den „stellungsgemässen Plänen“ hat sich hingegen als nicht stichhaltig herausgestellt.

Um mit Magnus zu sprechen:
„Plans are overrated.“
„As long as your plans are good, there’s no need to hide them.“ „Often in chess is, you have to take it a bit move by move. It sounds contrary to what most people think goes on in chess. But often there are just so many possibilities that I can not think more than a couple of moves ahead, and if you are up against a strong opponent he or she will realize what your plans are and prevent them anyway.“
„Very very rarely I have any long-term plans at all, it’s all short term thinking mostly. You have to constantly re-evaluate the situation.“
„I don’t know why I know or I think that, because at some point it becomes all very very intuitive.“

Zu Deutsch:
„Pläne werden überbewertet.“
„Solange deine Pläne gut sind, brauchst du sie nicht zu verbergen.“ „Oft ist es beim Schach so, dass man es Zug für Zug nehmen muss. Das klingt widersprüchlich zu dem, was die meisten Leute denken, was beim Schach vor sich geht. Aber oft gibt es einfach so viele Möglichkeiten, dass ich nicht mehr als ein paar Züge voraus denken kann, und wenn man es mit einem starken Gegner zu tun hat, wird er oder sie erkennen, was deine Pläne sind und sie sowieso verhindern.“
„Sehr, sehr selten habe ich überhaupt langfristige Pläne, es ist alles hauptsächlich kurzfristiges Denken. Man muss die Situation ständig neu bewerten.“
„Ich weiss nicht, warum ich etwas weiss oder denke, denn irgendwann wird das alles sehr, sehr intuitiv.“

Der Wankelmütige

Margarita Voiska – Emilia Djingarova
Bulgarische Mannschaftsmeisterschaft 2008

1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Sc3 Lb4 5.f3 f5 6.exf5 Sh6 7.fxe6 Sf5 8.Lf4 dxe6 9.Da4+ Sc6 10.d5 Lxc3+ 11.bxc3 exd5 12.O-O-O Df6 13.Da3 O-O-O 14.cxd5 Sce7 15.c4 Sg6 16.Lg3 Da1+ 17.Kc2 Se3+ 18.Dxe3 Dxa2+ 19.Kc1 Da1+ 20.Kc2 Da2+ 21.Kc1 Da1+ 22.Kc2 Da2+ ½-½

Stockfish 11 ist veröffentlicht! Er soll etwa 50 Elo stärker sein als SF10 und etwa 150 Elo besser als SF8. Ausserdem gibt es eine Version für moderne Computer mit 4 Prozessoren.

Diese Partie wurde lange vor Stockfishs Ära gespielt und die beiden Damen dürften sich noch mit Rybka vorbereitet haben. Ich habe schon öfters darauf hingewiesen, dass Frauenschach die aktuelle Computertheorie fast perfekt wiedergibt. Frauen mögen es, in scharfen Varianten Computerzüge auswendig zu lernen.

1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Sc3 Lb4 5.f3 f5 6.exf5 Sh6 7.fxe6 Sf5

Das ist Tony Miles genialste Erfindung. Gespielt gegen Oscar Panno am Clarin-Turner 1979 in Buenos Aires. Diese Stellung beschäftigt mich seit über 10 Jahren und ich habe sie jeweils als erstes einem neuen Schachprogramm vorgelegt, um herauszufinden, was es davon hält, und ob sich die Bewertung seit Rybka geändert hatte.

Panno anwortete 8.Se2 dxe6 9.Lf4 O-O 10.Dd2 Dh4+ 11.Sg3 und verlor nach diversen Fehlern beidseits. Stockfish hält es für 0.00.

Ich selber durfte diese Stellung ein einziges Mal in einem Mannschaftswettkampf spielen, 2015 gegen IM Renzo Mantovani aus Italien. Er versuchte 8.Se2 dxe6 9.Da4+ Sc6 10.a3? Lxc3+ 11.bxc3 O-O und stand bereits sehr schlecht, rettete sich aber mit Mühe und Not in ein Remis. Im Blitz habe ich sie selbstverständlich schon dutzende Male gehabt.

Seit Version 10 habe ich mit Stockfish das Problem, dass er sich nicht entscheiden kann. Das hat sich offenbar bei SF11 nicht geändert. Er schwankt beständig zwischen 8.Ld3 und 8.Lf4. Gerade bevorzugt er 8.Ld3 mit +1.31 vor 8.Lf4 mit +0.99. Ich erinnere mich, dass auch Rybka 8.Ld3 stark favorisierte. In dem Moment, da ich das schreibe, bekommt 8.Ld3 nur noch 1.06 und an zweiter Stelle steht 8.Se2 mit 0.94. Aber gerade eben ist 8.Lf4 an erste Stelle gerückt und 8.Ld3 nur noch die Nr. 3.

Nun, nach etwa 5 Minuten sieht er die 3 Züge als etwa gleichwertig, mit Bewertungen so um die 0.5 bis 0.6. Wenn ich also Bescheid wissen will, muss ich in die Varianten eintauchen und wieder Zug für Zug zurück gehen. Ich nenne das die Vorwärts-Rückwärts-Methode.

Dabei stellt sich heraus, dass er die Stellung für den Spieler, der gerade am Zug ist, gnädiger einschätzt als zuvor, als der andere am Zug war. So etwa kommt die Bewertung nach 8.Se2 ziemlich schnell auf 0.00 herunter und zwar sowohl nach 8…dxe6 als auch nach
8…O-O. Führe ich jedoch 8…dxe6 aus, sieht er wiederum Weiss mit +0.5 im Vorteil. Sein Favorit ist dann 9.Dd3. Führt man den aus, fällt die Bewertung wieder auf 0.00 und so weiter und so weiter.

Was nun 8.Ld3 betrifft, stellt sich nach einigem Bewertungs-Pingpong heraus, dass man wahrscheinlich 8…Dh4+ ziehen sollte. Dann wiederum ist es völlig unklar, ob 9.Kf1 oder 9.g3 kommen sollte. Gottseidank muss ich mich ja nur für Schwarz vorbereiten und merke mir die Variante 8.Ld3 Dh4+ 9.g3 Sxg3 10.Lg5 Dxg5 11.hxg3 Lxc3+ 12.bxc3 dxe6 13.De2 Sd7 14.Dxe6+ Kd8.

Im Falle von 8.Ld3 Dh4+ 9.Kf1 wusste ich bereits seit Rybka, dass 9…O-O gut genug ist, dass dann 10.exd7 Sxd7 an Selbstmord grenzt und weder 10.Sb5 Sc6, noch 10.Sd5 Ld6 Weiss etwas einbringen.

Das ist Computerschach. Im Menschenschach sieht es zuweilen anders aus: 8.Ld3 Dh4+ 9.Kf1 Sxd4? 10.exd7+? Sxd7 11.Le4 Lxe4 12.Dxd4 Lxc3 13.bxc3 O-O 14.Dxd7 Kh8 15.g3? Dh5 16.Lf4 Lxf3 17.Sxf3 Dxf3+ 18.Kg1 Tad8 19.De7 Tde8 20.Da3 Txf4 21.gxf4 Dg4+ 22.Kf1 Dxf4+ 23.Kg1 Dg4+ 24.Kf1 Df3+ 25.Kg1 Te2 0-1 (Gärtner-Sulava, Wien 1996).

8.Lf4 dxe6 9.Da4+ Sc6

Die nächste Entscheidung steht an. SF11 favorisiert 10.d5, was offenbar schon Rybka getan hat, sonst hätte Margarita nicht so gespielt.

Zu 10.O-O-O haben wir Partie-Beispiele. In Inarkiew-Morosewitsch, Poikowski 2015, verlor Schwarz nach 10…Lxc3? brotlos. Der einzige Zug ist 10…Sxd4. Darauf galt in der Vorcomputer-Ära 11.Sb5 O-O 12.Lxc7 als Widerlegung, aber schon Christian Bauer hat in seinem Buch über 1…b6 gezeigt, dass 12…Dg5+ 13.f4 Dh6 zu einem forcierten Remis führt, was auch Stockfish in Sekundenschnelle erkennt. Die Hauptvariante lautet 14.Sxd4 Txf4 15.Lxf4 Dxf4+ 16.Kb1 Sxd4 17.Sf3 Sxf3 18.Dxb4 Le4+ 19.Ka1 Sd4 20.Dd2 Sc2+ 21.Kb1 Sb4+ 22.Ka1 Sc2+.

Schwarz hat auch auf andere Züge nichts zu fürchten, obwohl SF11 anfangs auf Vorteil für Weiss plädiert. Am plausibelsten erscheint 11.Sge2 Sxe2+ 12.Lxe2 Df6.

Tricky ist 11.Le5 Lc5 12.Sge2 O-O 13.Sxd4 Dg5+ 14.f4 Txf4 15.Sxe6 Dxe5 16.Sxf4 Dxf4+ 17.Kb1 Sb4. Ich versuche mal, mir das einzuprägen.

10.d5 Lxc3+ 11.bxc3 exd5 12.O-O-O Df6

Die Damen sind bestens informiert. Allerdings war das vielleicht etwas vorschnell, wegen 13.cxd5 Dxc3+ 14.Kb1 Db4+ 15.Dxb4 Sxb4 16.Lb5+ Kf7 17.Sh3 und die weissen Figuren sind ein wenig besser koordiniert. Die Alternative war das Bauernopfer 12…O-O 13.cxd5 Sa5 mit gutem Spiel.

Dies war die erste Stellung, in der Schwarz mehrere Optionen hatte. In der Partie-Vorbereitung auf eine Frau brauche ich mir schwache Züge nicht anzusehen. Es werden keine kommen. Aber am Ende einer Variante, so wie hier, sollte ich mir alle möglichen Gegenzüge ansehen. Es kann gut sein, dass die Gegnerin keinen Dunst davon hat. So wie hier, wo Margarita instant patzt.

13.Da3? O-O-O 14.cxd5 Sce7 15.c4 Sg6?

In solchen Stellungen braucht es keine Vorwärts-Rückwärts-Analysen mehr. SF11 gibt den Gewinn klipp und klar an. 15…g5 16.Lg3 Lxd5 17.cxd5 Sxd5 mit tödlichem Angriff.

16.Lg3 Da1+

Mit 16…The8 hätte sie schon noch auf Gewinn spielen können. Aber sieh, das Remis ist so nah…

17.Kc2 Se3+ 18.Dxe3 Dxa2+ 19.Kc1 Da1+ 20.Kc2 Da2+ 21.Kc1 Da1+ 22.Kc2 Da2+ ½-½

Die Preussische Partie

Matyas Marek – Justin Wang
Saint Louis 2018

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.Sg5 d5 5.exd5 Sa5 6.Lb5+ c6 7.dxc6 bxc6 8.Ld3 Sd5 9.Sf3 Ld6 10.O-O O-O 11.Te1 f5 12.Sxe5 Df6 13.Sf3 g5 14.g3 f4 15.Sc3 fxg3 16.hxg3 Sxc3 17.dxc3 Lg4 18.Lxg5 Dxf3 19.Dxf3 Lxf3 20.Te6 Sb7 21.Tae1 Ld5 22.Th6 Tf7 23.c4 Lf3 24.Tee6 Lf8 25.Thf6 Sc5 26.Txf7 Sxe6 27.Txf3 Sxg5 28.Tf5 Se6 29.Le4 Tc8 30.Tf6 Sd4 31.Kg2 Kg7 32.Tf4 h6 33.Tg4+ Kf6 34.Tf4+ Kg7 35.Tg4+ Kf6 36.Tf4+ ½-½

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.Sg5 d5 5.exd5 Sa5 6.Lb5+ c6 7.dxc6 bxc6

Im deutschen Sprachraum wird das immer noch als preussische Partie bezeichnet, obwohl Preussen nach dem zweiten Weltkrieg aufgehört hat, zu existieren. Gebräuchlicher ist aber die Bezeichnung Polerio-Verteidigung des Zweispringerspiels im Nachzug.

8.Ld3

Jetzt sind wir in der Bird-Variante, so benannt nach einer Partie Bird-Lasker von 1892. Sie ist ab etwa 2008 bei Topspielern in Mode gekommen.

8…Sd5

Das ist der Hauptzug. Die Alternative ist 8…Sg4, was auch Lasker versuchte. Bird antwortete 9.Sf3?! f5 10.h3, was aber wegen 10…Sxf2 11.Kxf2 Lc5+ 12.Kf1 e4 13.Le2 exf3 14.Lxf3 schlecht ist. Nach 10…e4 11.hxg4 exd3 12.cxd3? fxg4 kam Lasker trotzdem in Vorteil und gewann.

Als Hauptvariante dieses Abspiels hat sich in den letzten 10 Jahren 8…Sg4 9.Se4 f5 10.Le2 h5 11.h3 fxe4 12.hxg4 Lc5 13.b4 Dd4 14.bxc5 O-O 15.O-O Dxa1 16.Sc3 e3 17.gxh5 exf2+ 18.Txf2 Txf2 19.Kxf2 herauskristallisiert und wurde in Dutzenden Partien durchexerziert.

9.Sf3

Ich habe um 2010 herum angefangen, mich für diese Eröffnung zu interessieren, und sie tatsächlich auch einmal gespielt. Aber an dieser Stelle zog ich 9.h4, und es kam 9…Sf4 10.Lf1 h6 11.Sf3 heraus.

9…Ld6

Der Anlass für diesen Beitrag ist, dass gerade gestern (14.1.2020) Magnus Carlsen seine Ungeschlagenheits-Serie auf 111 Partien in Folge ausbaute. Sein Gegner, Jorden van Foreest, zog hier 10.Sc3 O-O 11.Le2, nach 11… Sf4 12.O-O Lg4?! stand er etwas besser, und im späteren Verlauf sogar einmal auf Gewinn. Um ein Haar hätte er Magnus‘ Rekord verhindert.

10.O-O O-O 11.Te1 f5 12.Sxe5 Df6

Der Grund für mein etwas seltsam anmutendes 9.h4 war damals, dass ich diese Stellung für verloren hielt. Ich wusste bereits, dass 13.Sc4 verliert, aber 13.Sf3 schien mir mehr als verdächtig. Interessanterweise wurde dann in den Jahren 2013-2018 nur dieses 13.Sc4 gemacht, und Weiss musste damit ein paar derbe Niederlagen einstecken. Die korrekteste und zugleich spektakulärste Partie sei hier gezeigt.

Martin Gruenter – Katerina Nemcova, Pardubice 2013
13.Sc4 Sxc4 14.Lxc4 Dh4 15.Lxd5+ cxd5 16.g3 Dh3 17.Df3 f4 18.Dxd5+ Kh8 19.Dg2 Dh5! (Extraklasse. nach 20.Dxa8 Lg4 21.Dg2 Lf3 wird Weiss mattgesetzt) 20.Sc3 Lg4 21.Dd5 Dh3 22.Dg2 Dh5 23.Dd5 Tae8 24.Tf1 Le5 25.d4 Lf3 26.Dd7 fxg3 27.fxg3 Lxg3 28.h3 Td8 29.De6 Tfe8 30.Dc4 Dxh3 0-1

13.Sf3 g5 14.g3 f4 15.Sc3 fxg3 16.hxg3

Des Pudels Kern. Er gibt eine Figur für drei Bauern.

16…Sxc3 17.dxc3 Lg4 18.Lxg5 Dxf3 19.Dxf3 Lxf3 20.Te6 Sb7 21.Tae1 Ld5 22.Th6 Tf7 23.c4 Lf3 24.Tee6 Lf8 25.Thf6 Sc5 26.Txf7 Sxe6 27.Txf3 Sxg5 28.Tf5 Se6 29.Le4 Tc8 30.Tf6 Sd4 31.Kg2 Kg7 32.Tf4 h6 33.Tg4+ Kf6 34.Tf4+ Kg7 35.Tg4+ Kf6 36.Tf4+ ½-½

Das Bemerkenswerteste daran ist, dass dies sehr wohl eine Computerpartie gewesen sein könnte. Ich vermute stark, dass es ein abgesprochenes Remis zweier Kollegen war. So genau spielt kein Mensch.

Der Alpha Zero Bauer

Magnus Carlsen – Wladislaw Artemiew
World Blitz 2019

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 7.Lc4 c5 8.Se2 Sc6 9.Le3 O-O 10.h4 Da5 11.O-O Ld7 12.Tb1 Dc7 13.h5 cxd4 14.cxd4 Tad8 15.h6 Lh8 16.Dc1 Tc8 17.Dd2 Sa5 18.Ld3 b6 19.Tbc1 Db7 20.Lg5 Tfe8 21.Txc8 Dxc8 22.Tc1 Db7 23.d5 Le5 24.Lf4 Db8 25.Lxe5 Dxe5 26.f4 Dh5 27.Tc7 Lg4 28.Lb5 Tf8 29.Txe7 Dxh6 30.d6 Dh4 31.Sd4 Td8 32.e5 Dg3 33.Df2 Dc3 34.f5 gxf5 35.Sxf5 Lxf5 36.Dxf5 Dd4+ 37.Df2 Dd5 38.d7 Dd1+ 39.Lf1 1-0

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 7.Lc4 c5 8.Se2 Sc6 9.Le3 O-O 10.h4

Das erinnert mich an Hans Berliner. In der Tat hat Berliner diesen Zug 1965 erfunden. Er behauptete sogar, dass Weiss damit forciert gewinnt.

Magnus spielte dasselbe zwei Runden später gegen Ian Nepomniachtchi, welcher sich nach der Partie darüber ärgerte, dass er vergass, hier erst zu tauschen und dann ein Schach zu geben. 10…cxd4 11.cxd4 Da5+ 12.Kf1 ist exakt Berliners Idee. Weiss möchte primitiv auf der h-Linie mattsetzen. Das ist in der Tat gefährlich, und Schwarz sollte sich wahrscheinlich mit 12…h5 dagegen stemmen.

10…Da5 11.O-O

Das kam a tempo. Magnus beharrt nicht mit 11.Kf1 h5 12.Tb1 Dc7 auf Berliners Idee. Das wäre durchaus spielbar.

Ich frage mich, was Magnus auf 11…cxd4 12.cxd4 Dh5 gespielt hätte, denn dann muss er wohl oder übel den h-Bauern aufgeben. Computer möchten 13.Dd2 Dxh4 14.f3 ziehen, mit zweifelhafter Kompensation.

11…Ld7?!

Ein schwacher Zug. Er kommt nun schwer unter Druck.

12.Tb1 Dc7 13.h5 cxd4 14.cxd4 Tad8?

Das dürfte bereits der Verlustzug sein. Er musste 14…Sxd4 probieren, komme was wolle. Nach 15.Lxd4 Dxc4 16.Lxg7 Kxg7 17.Dxd7 Dxe2 18.Dd4+ f6 19.Txb7 Tfe8 scheint sich Schwarz halten zu können, stärker ist 15.Lxf7+ Txf7 16.Sxd4, wonach er mit 16…Lxd4 17.Dxd4 Lc6 immerhin auf die ungleich farbigen Läufer hoffen kann. An dieser Stelle würde Alpha Zero bestimmt 18.h6 versuchen. Daher könnte es cleverer sein, diesen Bauern mit 17…gxh5 zu vernichten. Nach 18.Tfc1 müsste 18…e5 kommen und Weiss kann sich aussuchen, ob er mit 19.Txc7 oder 19.Dxa7 auf Gewinn spielen will.

15.h6

Mit aufreizender Selbstverständlichkeit gespielt. Kommentator Peter Leko merkte an, dass dieser Bauer bereits Alpha-Zero-Bauer genannt würde, weil Alpha Zero auffällig oft diesen Zug gemacht hat.

15…Lh8 16.Dc1

Er deckt den Läufer und geht dem Td8 aus dem Weg.

16…Tc8 17.Dd2 Sa5

17…Sxd4 18.Lxd4 verliert eine Figur, wegen 18…Lxd4 19.Tfc1. Nach 19…Lc5 entfaltet der Alpha-Zero-Bauer seine volle Kraft. 20.Dc3 e5 21.Txb7 Dxb7 22.Dxe5 mit undeckbarem Matt.

18.Ld3 b6 19.Tbc1 Db7 20.Lg5 Tfe8 21.Txc8 Dxc8 22.Tc1 Db7

Unheimlich, wie viele Computerzüge Magnus macht. Hier allerdings hätte 23.Df4 forciert gewonnen. Schwarz müsste mit 23…Tc8 den e-Bauern aufgeben. 23…f6 24.Tc7 fxg5 25.Dc1 Tc8 26.Lc4+ Kf8 27.Txb7 ist die Hauptvariante.

23.d5 Le5 24.Lf4 Db8 25.Lxe5 Dxe5 26.f4 Dh5 27.Tc7 Lg4 28.Lb5 Tf8 29.Txe7 Dxh6 30.d6 Dh4 31.Sd4 Td8 32.e5 Dg3 33.Df2 Dc3 34.f5 gxf5 35.Sxf5 Lxf5 36.Dxf5 Dd4+ 37.Df2 Dd5 38.d7 Dd1+ 39.Lf1 1-0

Natürlich hätte er an der einen oder anderen Stelle schneller gewinnen können, aber insgesamt hat Magnus Wladislaw nicht den Hauch einer Chance gelassen.

Fünfzehn zu Null

Judit Polgar – Gregory Kaidanov
Thema-Match Sizilianisch, Hilton Head 2010

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 g6 6.Le3 Lg7 7.f3 Sc6 8.Dd2 O-O 9.Lc4 Ld7 10.O-O-O Tc8 11.Lb3 Se5 12.Kb1 Te8 13.h4 h5 14.g4 hxg4 15.h5 Sxh5 16.Tdg1 e6 17.Lh6 Df6 18.fxg4 Lxh6 19.Dxh6 Dg7 20.Dd2 Sf6 21.g5 Sh5 22.Sce2 Sc4 23.Lxc4 Txc4 24.b3 Tc5 25.Sg3 Sxg3 26.Txg3 Tec8 27.Tgh3 e5 28.Th4 exd4 29.Dh2 Kf8 30.Dxd6+ Kg8 31.Dxd7 d3 32.c4 Dc3 33.T4h2 b5 34.e5 Dxe5 35.Th7 T5c7 36.Dd6 1-0

Drachenspieler sind eine ganz besondere Spezies unter den Schachspielern: Extrem innovativ, stur und leidensfähig. Sie lassen sich auch von miesesten Resultaten nie entmutigen und tüfteln immer neue Tricks aus.

1.e4 c5 2.Sf3 d6

Wie leitet man in den Drachen über? 2…Sc6 oder 2…d6? Nach 2…Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 g6 fürchten die meisten Drachenspezialisten 5.c4 und versuchen, dem aus dem Weg zu gehen, etwa mit 4…d6, um 5.Sc3 abzuwarten, und erst danach 5…g6 zu spielen.

Ich halte die Varianten
2…Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 g6 5.Sc3 Lg7 6.Le3 Sf6 7.Lc4 Da5 8.O-O O-O und
2…Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 g6 5.Sc3 Lg7 6.Le3 Sf6 7.Lc4 O-O 8.Lb3 a5 für absolut spielbar. Aber das ist nicht der Punkt. Drachenspieler möchten, dass Weiss lang rochiert, und hoffen, mit ihrem Angriff zuerst zu kommen.

3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 g6 6.Le3 Lg7 7.f3 Sc6 8.Dd2 O-O 9.Lc4 Ld7 10.O-O-O

Der Jugoslawische Angriff, ein Relikt vergangener politischer Verhältnisse.

In den 2000-er Jahren ist 10…Tb8 in Mode gekommen, der so genannte chinesische Drachen. Mein persönliches Rezept dagegen lautet 11.Kb1 Sa5 12.Lb3 b5 13.g4 Sc4 14.Lxc4 bxc4 15.Ka1, und der Turm auf b1 wird den Angriff auf der b-Linie ganz allein aufhalten. Allerdings scheine ich gerade nicht mehr up do date zu sein, einer meiner Gegner hat mir kürzlich 15…Tb7 16.h4 Da5 17.h5 Tfb8 18.Tb1 Tb4 aufgetischt, und nicht nur überlebt, sondern sogar eine Art Angriff bekommen.

Der Hauptzug des 20. Jahrhunderts war 10…Da5. In den Datenbanken findet man diesen Zug kaum mehr, weil Schwarz nach 11.Kb1 Tfc8 12.Lb3 Se5 13.g4 Sc4 14.Lxc4 Txc4 15.Sb3 klinisch tot ist, denn im nächsten Zug kommt 16.e5. Trotzdem bekomme ich diese Stellung gelegentlich aufs Brett. Das ist nicht unbedingt der Sturheit zuzuschreiben, sondern eher einem Wissensrückstand. Einer meiner Gegner hat nämlich daraus gelernt, derselbe, der mich nun mit dem Chinesischen Drachen oder der Jones-Variante (siehe unten) quält.

10…Tc8 11.Lb3 Se5

Gawain Jones, der führende Drachenexperte, bevorzugt hier 11…Sxd4 12.Lxd4 b5, aber auch er hat 2015 nach 13.Sd5 Sxd5 14.Lxg7 Kxg7 15.exd5 a5 16.a3 eine herbe Niederlage einstecken müssen.

12.Kb1

Der Hauptzug. 12.h4 wird unterdessen weniger gespielt, weil der direkte Shampoo-Angriff 12…h5 13.g4 nicht so erfolgreich ist.

Nun steht 12…Sc4 13.Lxc4 Txc4 14.g4 mit 75% Gewinnprozenten für Weiss zu Buche. Magnus Carlsen versuchte 2008 gegen Anand und Dominguez mit 12…a6 zu verstärken. Das Resultat war nicht ermutigend. Kaidanov spielt den Zug, der bis zu dieser Partie als solide galt.

12…Te8 13.h4 h5 14.g4 hxg4 15.h5 Sxh5 16.Tdg1

Eine zweifelhafte Neuerung. Wahrscheinlich ist der alte Zug 16.Lh6 genauer, weil Schwarz jetzt mehr Optionen hat, etwa 16…Da5.

16…e6

Er verteidigt nach dem alten Schema. Jetzt wird es eine Zugumstellung.

17.Lh6 Df6 18.fxg4 Lxh6 19.Dxh6 Dg7

Das war damals die theoretische Empfehlung. Ich hatte ungefähr zur gleichen Zeit diese Stellung als Eventualvariante in einer Fernpartie auf dem Brett, und versucht, sie mit Rybka zu knacken, was mir nicht gelang. Mein Gegner spielte eh etwas anderes.

Judits nächster Zug widerlegt die Variante. Ich hatte seinerzeit nur 20.De3 analysiert und war zu keinem klaren Ergebnis gekommen.

20.Dd2 Sf6 21.g5 Sh5 22.Sce2

Das ist seither noch fünfzehn Mal aufs Brett gekommen. Die nächsten vierzehn Partien wurden allesamt von Weiss gewonnen. Erst die fünfzehnte endete remis, weil der Weiss-Spieler fürchterlich patzte.

Die beste Chance war noch 22…Kf8, um nach e7 zu fliehen.

22…Sc4 23.Lxc4 Txc4 24.b3 Tc5 25.Sg3 Sxg3 26.Txg3 Tec8 27.Tgh3 e5 28.Th4 exd4 29.Dh2

Die Pointe von 20.Dd2. Die Dame betritt die h-Linie, was sie von e3 aus nicht gekonnt hätte.

29…Kf8 30.Dxd6+ Kg8 31.Dxd7 d3 32.c4 Dc3 33.T4h2 b5 34.e5 Dxe5 35.Th7 T5c7 36.Dd6 1-0

Kaidanov muss man zugute halten, dass er kein Drachenspieler ist. Was seine fünfzehn Nachfolger betrifft, kann ich nur den Kopf schütteln. Wer den Drachen spielen will, muss über alle neuen Versuche Bescheid wissen und ihnen entweder ausweichen oder dagegen etwas parat haben. Trotzdem riskiert man, Opfer eines neuen Anwurfs zu werden, wie hier der gute Gregory.

Alapin-Spanisch

Georg Meier – Magnus Carlsen
Chess.com PRO League, 2018

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Lb4 4.O-O Sge7 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.cxd4 d5 8.Lxc6+ Sxc6 9.exd5 Dxd5 10.Sc3 Lxc3 11.bxc3 O-O 12.Lf4 Lg4 13.Lxc7 Tac8 14.Lg3 Sa5 15.Te1 Tfe8 16.Da4 Ld7 17.Da3 Lc6 18.Dc5 b6 19.Dxd5 Lxd5 20.a4 Txe1+ 21.Txe1 f6 22.Te3 Sc4 23.Te7 a5 24.h4 Sb2 25.h5 Lxf3 26.gxf3 Sxa4 27.d5 Sxc3 28.d6 Sd5 29.Ta7 Td8 30.Kf1 Sc3 31.Ta6 Sd5 32.Ta7 Kf8 33.Ke2 Sc3+ 34.Ke1 Sb5 35.Tb7 Sxd6 36.Txb6 Sf5 37.Tb5 Sxg3 38.fxg3 Ta8 39.Kd2 a4 40.Kc2 a3 41.Kb1 a2+ 42.Ka1 Ta7 43.g4 h6 44.f4 Kf7 45.g5 Ke6 46.g6 Kd6 47.f5 Kc6 48.Tb8 Kd5 49.Te8 Kd4 50.Te6 Kd5 51.Te8 Kd6 52.Te2 Ta5 53.Te6+ Kd7 54.Tb6 Txf5 55.Tb7+ Ke6 56.Txg7 Txh5 57.Kxa2 Kf5 58.Kb3 Th1 59.Kc3 Te1 60.Kd2 Te8 61.Kd3 Kg5 62.Kd4 h5 63.Kd3 f5 64.Kd2 Kf6 65.Tb7 Kxg6 0-1

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5

In der PRO League werden Rapid-Partien mit 15 Minuten plus 10 Sekunden Inkrement gespielt.

3…Lb4

3.Lb5 droht bekanntermassen nichts. Deshalb sind hier viele Züge spielbar. Dieser stammt von Simon Alapin, der ihn zwischen 1896 und 1900 16-mal mit recht guten Ergebnissen anwandte. Magnus Carlsen hatte damit 2014 in Norwegen – offenbar unter dem Radar der Öffentlichkeit – eine Blitzpartie gegen Sergei Karjakin gewonnen, und in der Pro-League 2018 wendete er ihn zweimal an. Er gewann beide Partien.

Der Zug sieht ziemlich verdächtig aus, aber er verfolgt eine klare Idee, die wir in dieser Partie kennen lernen werden, und welche zeigt, dass mit normalen Enwicklungszügen nichts zu holen ist.

Versuchen wir also, das Zeug zu widerlegen. Dazu müssen Angriffszüge her, wie ich es in meinem letzten Beitrag über das Angriffsprimat dargelegt habe. Die erste Drohung liegt auf der Hand: 4.c3 La5, und jetzt droht 5.Da4 mit 6.Lxc6 eine Figur zu gewinnen. Das kam aber in über 100 Partien nur zweimal vor, und in diesen zwei Partien haben die Weiss-Spieler den Pfad der Tugend schon bald verlassen. Hundert andere haben erst rochiert, und erst im nächsten Zug c3 gezogen, so wie Georg Meier.

5…Sge7 geht nicht wegen 6.Sxe5 Sxe5 7.Dxa5. Daher 5…Lb6. Nun würde 6.O-O Schwarz Zeit geben, sich mit 6…Sge7 7.d4 Sg6 einigermassen zu konsolidieren. Also 6.d4, was erneut droht, einen Bauern zu fressen. Stockfish möchte nun den Bauern für etwas Kompensation auf die eine oder andere Art hergeben, aber wirklich Sinn macht nur der Gegenangriff 6…Sf6, da 6…exd4 7.cxd4 Weiss ein starkes Zentrum überlässt. Mit 7.O-O behält Weiss jetzt einen soliden Eröffnungsvorteil, da 7…Sxe4 8.Te1 f5 höchst ungesund ist. Schwarz sollte sich zu 7…exd4 8.cxd4 O-O bequemen, wonach Weiss sein Ziel erreicht hat.

Die taktische Pointe von 6…Sf6 ist übrigens 7.dxe5 Sg4 8.Lxc6 Sxf2 9.Ld5 Sxh1 10.Lg5 f6 11.exf6 gxf6 12.Lh4 c6 13.Lb3 d5, wonach Schwarz Gegenspiel hat. Dasselbe gilt für 8.Lg5 Lxf2+ 9.Ke2 f6 10.exf6 gxf6 11.Lf4 Lb6.

4.O-O Sge7 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.cxd4 d5

Die Pointe der Alapin-Verteidigung. Karjakin wählte hier 8.e5 und Carlsen spielte 8…Lg4, nach 9.h3?! hätte er mit 9…Lxf3 10.Dxf3 a6 11.Lxc6+ Sxc6 leichten Ausgleich gehabt, aber er zog seinem Stil entsprechend 9…Lh5, mit scharfen Verwicklungen.

8.Lxc6+ Sxc6 9.exd5 Dxd5 10.Sc3 Lxc3 11.bxc3 O-O 12.Lf4 Lg4

Typisch für Magnus. Er bekommt eine Menge Kompensation für den Bauern.

13.Lxc7 Tac8 14.Lg3 Sa5 15.Te1 Tfe8?!

15…Txc3 16.Te5 Dd8 17.De1 Ta3 18.Db4 Txf3 19.Txa5 Td3 20.Ld6 Te8 21.Txa7 konnte nicht in seinem Sinne sein.

Er lenkt aber mit diesem Zug seinen eigenen Turm vom c-Bauern ab. Der Meier Schorsch hätte diese Einladung mit 16.Txe8+ Txe8 17.h3 Le6 18.Se5 annehmen sollen.

16.Da4 Ld7 17.Da3 Lc6 18.Dc5

Ein feiger Zug. Natürlich wäre er mit Remis zufrieden.

18…b6 19.Dxd5 Lxd5 20.a4?!

Erneut vergisst er auf e8 zu tauschen. Danach wird es schon brenzlig.

20…Txe1+ 21.Txe1 f6 22.Te3 Sc4 23.Te7 a5 24.h4 Sb2 25.h5 Lxf3 26.gxf3 Sxa4 27.d5 Sxc3 28.d6 Sd5 29.Ta7 Td8

Meier hat ausgezeichnet verteidigt. Leider hat Magnus in solchen Stellungen Heimvorteil.

30.Kf1 Sc3 31.Ta6 Sd5 32.Ta7 Kf8 33.Ke2? Sc3+

In dieses Schach hätte er nicht hineinlaufen dürfen. 33.h6 war stark. Z.B. 33…gxh6 34.Txh7 Kg8 35.Ta7 h5 36.Kg2.

34.Ke1 Sb5 35.Tb7 Sxd6 36.Txb6 Sf5 37.Tb5?

Der entscheidende Fehler. Mit 37.Ta6 Td5 38.Lc7 a4 39.Txa4 Sd4 40.Lb6 Sxf3+ 41.Ke2 Se5 42.Le3 hätte er vielleicht gehalten.

37…Sxg3 38.fxg3 Ta8 39.Kd2 a4 40.Kc2 a3 41.Kb1 a2+ 42.Ka1 Ta7 43.g4 h6 44.f4 Kf7 45.g5 Ke6?

45…hxg5 46.fxg5 Ke6 47.h6 gxh6 48.gxh6 f5 49.h7 Txh7 50.Kxa2 f4 und gewinnt. Jetzt sollte es remis werden.

46.g6 Kd6 47.f5 Kc6 48.Tb8 Kd5 49.Te8 Kd4 50.Te6 Kd5 51.Te8 Kd6 52.Te2??

52.Te6+ Kd7 53.Tb6, und er kommt nicht mehr weiter.

52…Ta5 53.Te6+ Kd7 54.Tb6 Txf5 55.Tb7+ Ke6 56.Txg7 Txh5 57.Kxa2 Kf5 58.Kb3 Th1 59.Kc3 Te1 60.Kd2 Te8 61.Kd3 Kg5 62.Kd4 h5 63.Kd3 f5 64.Kd2 Kf6 65.Tb7 Kxg6 0-1

Angriffsprimat

Er – Ich, 3 Minuten Blitz
1.d4 e6 2.c4 b6 3.Sc3 Lb4 4.Ld2 Lb7 5.a3 Lxc3 6.bxc3 Sc6 7.e3 Sa5 8.Sf3 La6 9.Da4 Sf6 10.Ld3 O-O 11.O-O d5 12.Se5 De8 13.Dxe8 Tfxe8 14.cxd5 Lxd3 15.Sxd3 exd5 16.Se5 Se4 17.Tfd1 Sb3 18.Ta2 Sexd2, und bald 0-1

Für Schachfreunde, die sich die Sache mit dem Computer ansehen möchten, kopiere ich oben die Partie ein. Anmalen, kopieren und z.B. in Chessbase einfügen.

Ich schreibe in „Keine Pläne!“ vom Angriffsprimat, was heissen soll, dass Angriffszüge gegenüber Entwicklungszügen den Vorrang haben. Normalerweise sind die Angriffszüge auch Entwicklungszüge. Das stimmt aber nicht immer, und genau dann tritt das Angriffsprimat in Kraft. Diese Idee teste ich in meinen Blitzpartien mehr oder weniger konsequent aus. In der vorliegenden Partie dachte ich beim 7. und 8. Zug, dass ich nun schon langsam anfange zu spinnen…

1.d4 e6 2.c4 b6 3.Sc3 Lb4

Meiner Ansicht nach ist dies der korrekte Zug, und nicht der gedankenlose Entwicklungszug 3…Lb7, wonach 4.a3 ins unangenehme Petrosian-System überleitet. Es gibt eine eingeschworene Gemeinde von Anhängern der Englischen Verteidigung – so heisst diese Eröffnung – die sich an dieser Stelle mit 4…f5 durch 5.d5 einengen lassen. Computer halten das für absolut spielbar, hingegen sprechen die 62%, die Weiss aus dieser Stellung heraus holt, dagegen.

4.Ld2

Ein guter Zug. Er möchte den Läufer mit a3 zum Tausch nötigen, damit das Läuferpaar bekommen und gleichzeitig den Läufer auf c3 in Schussposition bringen.

Natürlich widerlegt das keinesfalls meine Eröffnung. Der angesagte Zug wäre 4.e4, welcher Bauer aber ein schönes Angriffsobjekt für die schwarzen Figuren abgibt. Eine Mustervariante: 4.e4 Lb7 5.Ld3 f5 6.Dc2 Dh4.

4…Lb7

Das ziehe ich 4…Sf6 vor. Ich könnte dann nach 5.a3 Lxc3 6.Lxc3 mit 6…Se4 das Läuferpaar vernichten. Nach 7.Dc2 Sxc3 8.Dxc3 ist nicht viel los.

Der Hauptgrund ist aber, dass ich nach dem frechen 5.e4 Lxc3 6.Lxc3 Sxe4 7.Dg4 Sxc3 8.Dxg7 Tf8 9.bxc3 Lb7 schlechte Erfahrungen gemacht habe.

5.a3 Lxc3 6.bxc3?

Er hatte seinen Plan durchgesetzt. Über diesen Zug brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Er blieb aber der einzige Grottenzug meines Gegners.

Korrekt war selbstverständlich 6.Lxc3 Sf6 7.b3. Ich bin in der Entwicklung voraus, aber sollte die Stellung wegen dem Läuferpaar geschlossen halten, und nicht etwa 7…d5 ziehen, sondern 7…d6, um einen Aufbau mit Se4 nebst f5 anzustreben. Erst auf 8.f3 wäre 8…d5 angebracht. Ich halte die weissen Chancen für leicht besser.

Wenn ich nun 6…Sf6 spiele, bekommt er mit 7.f3 eine ganz passable Stellung. Da kam mir in den Sinn, dass sein Bc4 ein ausgezeichnetes Angriffsobjekt abgäbe, und ich begann, darauf hin zu spielen.

6…Sc6

Hier kam mir Freund Siegbert Tarrasch in den Sinn. Ich war gerade dabei, zwei Figuren zweimal zu ziehen, um einen Springer an den Rand zu stellen… Dass das Manöver Stockfishs Favorit ist – nicht auf Anhieb, man muss etwa eine Minute warten – und er auch in der Folge mit meiner Spielweise mehr oder weniger einverstanden ist, überraschte mich nachträglich doch ziemlich. Ich erwartete 7.e4 Sa5 8.f3 La6 9.Da4, was ich für deutlich besser für mich hielt. Auch hier pflichtet mir der Computer bei.

7.e3 Sa5 8.Sf3 La6 9.Da4

Hätte ich in einem der vorhergehenden Züge den Entwicklungszug Sf6 gemacht, wäre mein Vorteil verflogen. Erst jetzt ist es an der Zeit, das zu spielen. Ich bereite die Rochade vor, welche ihrerseits d5 vorbereitet.

9…Sf6 10.Ld3 O-O 11.O-O d5 12.Se5 De8

Auch das ist ein Angriffszug. Er zwingt Weiss, einen der Verteidiger von c4 abzutauschen, denn nach 13.Db4 dxc4 darf er nicht zurücknehmen: 14.Sxc4 Sd5 oder 14.Lxc4 Lxc4 15.Sxc4 Sd5 und er verliert eine Figur.

Er kann nun den Bauern retten, aber danach ist es positionell hinüber.

13.Dxe8 Tfxe8 14.cxd5 Lxd3 15.Sxd3 exd5 16.Se5 Se4 17.Tfd1? Sb3 18.Ta2 Sexd2

Ich glaubte, mit diesem Springer nehmen zu müssen. 18…Sbxd2 19.f3 Sxf3+ 20.gxf3 Sxc3 wäre das Tüpfelchen aufs i gewesen.

19.Tb2 c5 0-1

Er bekommt den Springer nur auf Kosten einer Qualität. Den Rest schenken wir uns.

Weltmeister aller Klassen

Zwischen Weihnachten und Neujahr 2019 hat Magnus Carlsen den Weltmeistertitel im Rapid und im Blitz geholt. Zudem war er zu dieser Zeit die Nr. 1 in der Football Fantasy League. Nein, das ist kein exotisches Nischenspiel, sondern hat etwa 7 Millionen Mitspieler.

Magnus Carlsen – Hikaru Nakamura
Blitz WM 2019

1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.Lf4 c5 4.e3 e6 5.Sbd2 Ld6 6.Lxd6 Dxd6 7.dxc5 Dxc5 8.c4 dxc4 9.Lxc4 O-O 10.O-O De7 11.Tc1 b6 12.De2 Lb7 13.Tfd1 Sbd7 14.La6 Sc5 15.Lxb7 Dxb7 16.Se5 Scd7 17.Df3 Da6 18.Sc6 Kh8 19.Sc4 Dxa2 20.g4 Sc5 21.Sd6 Sb3 22.Tc2 Da4 23.Tc4 Da6 24.g5 Sd7 25.Th4 Sbc5 26.Sxf7+ Txf7 27.Dxf7 De2 28.Txd7 Sxd7 29.Dxd7 Tf8 30.Tf4 1-0

Im Blitz war es knapp. Vor allem, weil Magnus in der 19. Runde gegen Alireza Firouzja komplett auf Verlust stand. Alireza überschritt in dieser Stellung (W: Kg4, Ld5, Be4, Be6, Bg5 ; S: Ke7, Ld2) die Zeit, und es ereigneten sich hektische Szenen, weil Magnus nur noch einen Läufer übrig hatte. Sogar Grischuk versuchte Magnus zu überzeugen, dass das remis wäre, weil alle Schachserver automatisch Remis geben, wenn eine Partei die Zeit überschreitet und die andere zu wenig Material zum Mattsetzen hat. Alireza protestierte, aber die Fide-Regeln sind anders. Dort wird es als gewonnen gewertet, wenn theoretisch noch ein Matt möglich ist. Zu Alirezas Pech lässt sich aber gerade wegen der ungleichfarbigen Läufer ganz leicht ein Hilfsmatt konstruieren.

Dann übertrieb es Alireza in seinem Frust und protestierte schriftlich, weil Magnus nach einem Bock laut auf Norwegisch geflucht hatte und er sich dadurch in seiner Konzentration gestört fühlte. Das Youtube-Video zeigt deutlich, dass es ein ganz normaler Schreckensmoment nach einem Einsteller war. Wenn so ein Protest durchkäme, würde es an jedem Blitzturnier Proteste hageln. Alireza musste deswegen einen veritablen Shitstorm über sich ergehen lassen. Magnus hingegen zeigte sich nachsichtig und meinte, dass so etwas bei einem 16-jährigen wohl noch vorkommen dürfe und Alireza aus dem Vorfall sicher lernen würde.

Die Schlusstellung ist übrigens remis. Sobald der weisse König nach h5 geht, wechselt der schwarze Läufer auf die lange Diagonale, um g6 mit Lg7 abzufedern. Geht dann der König nach vorne, greift Ld2 (oder Lc1) den g-Bauern an und es geht nicht mehr weiter. Diese Erkenntnis mag Alireza die entscheidenden Sekunden gekostet haben. Magnus wäre mit Remis zufrieden gewesen, aber vielleicht nicht Weltmeister geworden…

Das ist die zweite und entscheidende Partie des Tiebreaks gegen Hikaru Nakamura.

1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.Lf4 c5 4.e3 e6 5.Sbd2 Ld6 6.Lxd6

Ich spiele mit Schwarz genau so und ärgere mich jedes Mal über diesen Zug. Normalerweise wird es dann nach 7.c3 O-O 8.Ld3 Sbd7 9.O-O e5 eine völlig fade Angelegenheit. Magnus folgt der Computer-Empfehlung und spielt es etwas anspruchsvoller.

6…Dxd6 7.dxc5 Dxc5 8.c4 dxc4

Hikaru guckte in die Luft und machte seinen „wie war das nochmal?“- Gesichtsausdruck. Dann entschied er sich für diesen Tausch. Tatsächlich scheint das das Solideste zu sein.

9.Lxc4 O-O 10.O-O De7 11.Tc1 b6 12.De2 Lb7 13.Tfd1 Sbd7 14.La6

Bis hierhin alles flüssig gespielt. Hikaru musste sich entscheiden, ob er seine Dame auf e7 oder b7 haben wollte. Nachträglich betrachtet wäre 14…Lxa6 15.Dxa6 Sc5 sicherer gewesen.

14…Sc5 15.Lxb7 Dxb7 16.Se5 Scd7 17.Df3 Da6

Nach 17…Dxf3 18.Sdxf3 Sxe5 19.Sxe5 steht das Endpiel ein wenig besser für Weiss, aber das da ist riskant. Nach kurzer Überlegung gab Magnus den Bauern her.

18.Sc6 Kh8?!

Er hätte ihn gleich nehmen müssen, 18…Dxa2 19.Sc4, und jetzt ist 19…Kh8, was einem Turm das Feld c8 zugänglich macht, ein guter Zug. Weiss könnte mit 20.Td3 Da4 21.Ta3 Db5 22.Sxa7 den Bauern zurück holen.

Magnus hätte nun mit 19.a3 Tac8 20.Sc4 den Bauern behalten und ähnlich wie in der Partie den Springer auf d6 pflanzen können. Eine heisse Variante ergibt sich nach 20…Sd5 21.Sd6 Txc6 22.Txc6 Se5 23.Sxf7+ Sxf7 24.Txe6 Sf6 25.h4

19.Sc4 Dxa2 20.g4

Der natürliche Angriffszug. Computer möchten lieber wie oben den a-Bauern abholen: 20.Td3 Da6 21.Ta3 Db5 22.Sxa7

20…Sc5?!

Das freche 20…b5 21.Sd6 Dxb2 hätte die Stellung (theoretisch) gehalten. 22.g5 Sd5 und jetzt geht 23.Sxf7+ Txf7 24.Dxf7 Tf8 nicht. Nach 23.e4 hat Schwarz die Ausrede 23…Se5 24.Sxe5 Dxe5 25.Sxf7+ Txf7 26.Dxf7 Dxg5+ 27.Kh1 Sf4 28.Tg1 De5.

21.Sd6?!

Stockfish hält 21.S4e5 Dxb2 22.Tc4 für besser, denn Schwarz kann sich nun mit 21…Dxb2 22.g5 Sfd7 23.Tc4 g6 verteidigen.

21…Sb3??

Der entscheidende Fehler. Nun läuft alles wie am Schnürchen und Hikaru begann alsbald, den Kopf zu schütteln.

22.Tc2 Da4 23.Tc4 Da6 24.g5 Sd7 25.Th4 Sbc5

Es half nichts mehr. Aber was macht Magnus denn da? 26.Txh7+ Kxh7 27.Dh5+ Kg8 28.Se7# ist eine Kombination aus der Sparte „leichte Kost“.

26.Sxf7+ Txf7 27.Dxf7 De2 28.Txd7 Sxd7 29.Dxd7 Tf8 30.Tf4 1-0

Nun ist Magnus also erneut Weltmeister aller Klassen. Ist er auch der beste Spieler aller Zeiten? Meiner Meinung nach – ja. Ein Gegenargument wäre, dass er nur wenig besser ist als Caruana oder Ding, aber dass Fischer und Kasparow die Weltelite seinerzeit regelrecht dominiert haben. Das ist schon so, aber Fischers Gegner waren allesamt nicht 2700 Elo „wert“, und Kasparow hat wohl alle dominiert, ausser einem, Karpow, obwohl er gegen den an Weltmeisterschaften immer gewann, aber insgesamt mit dem denkbar knappsten Resultat von 73 zu 71. Mein Hauptargument ist die Genauigkeit. Magnus ist der Spieler, der vergleichsweise die meisten „Computerzüge“ macht und am wenigsten Fehler begeht, auch verglichen mit Fischer oder Kasparow.

Lachaga

Lachaga, Herausgegeben von M. A. Lachaga, Argentinien

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Bad Pistyan 1912, Sammlung aller 153 Partien, 52 S 8.-
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Mar del Plata 1971, Int. Schachmeisterturnier, 49 S 7.-
Buenos Aires 1978 „Clarin“, 60 S 8.-