Grossmeister

Wladimir Potkin (2678) – Alexander Motylew (2687)
5th Yaroslav the Wise 2014, 27.08.2014, Rapid, 15’ + 10’’

1.c4 e5 2.Sc3 Sf6 3.e3 Lb4 4.Sge2 c6 5.a3 La5 6.b4 Lc7 7.Lb2 0–0 8.Sg3 a5 9.Le2 Te8 10.0–0 d5 11.cxd5 cxd5 12.Sb5 Lb6

Die Herrren Motylew und Potkin sind Vertreter der Top 100 der Schachwelt. Dennoch kennt sie hierzulande kaum jemand. Immerhin ist Motylew Europameister 2014 und wurde aus diesem Grund nach Biel 2014 eingeladen, wurde dort allerdings Letzter.

In Rapidturnieren will niemand seine Eröffnungsvorbereitung preisgeben. Diese Stellung dürfte für beide Neuland gewesen sein. Nach dem konventionellen 13.d4 e4 14.bxa5 Lxa5 15.Db3 wäre nicht viel los. Potkin verschärft das Spiel.

13.f4 e4

Die Alternative wäre 13…Sc6 14.fxe5 Sxe5 gewesen, dann hat Weiss fühlbaren Druck auf der f-Linie. Der Textzug hat den Nachteil, dass Weiss mit 14.Db3 bereits die erste konkrete Drohung hat, nämlich ihm mit Lxf6 einen Doppelbauern am Königsflügel anzuhängen, weil d5 nicht vernünftig gedeckt werden kann.

14…Sbd7 15.Sd6 Te6 16.Sgf5 droht einen gefährlichen Angriff mit g4-g5

14…Te6 15.Sd4 Te8 16.Sdf5 und es droht 17.Sxg7

14…Sc6 lässt den Doppelbauern zu und spielt auf den Konter d5-d4. 15.Lxf6 gxf6 16.Sc3

16…d4 17.Scxe4 Le6 mit Gegenspiel. Weiss gibt am besten e3 auf und spielt mit 18.Db2 auf die lange Diagonale. 18…dxe3 19.Sxf6+ Kh8! 20.Sxe8 Ld4 21.Dc2 exd2+ 22.Kh1 axb4 23.f5 Ld5 24.Tad1 bxa3 25.Dxd2 a2 26.Dh6 Dxe8 27.Txd4 Sxd4 28.Df6+ Kg8 27.Dxd4 Dc6 28.Lf3 Ta4 29.Da1 Lxf3 30.gxf3 ist eine der analytischen Hauptvarianten. Weiss steht auf Gewinn.

16…axb4 17.axb4 Txa1 18.Txa1 d4 19.Sd5 Le6 20.Lc4 dxe3 21.dxe3 Sd4 22.Da2 Kf8 wäre die andere. Nach 23.Td1 steht Weiss besser.

Niemand kann diese Varianten berechnen. Das sind Computervarianten, vielleicht nicht 100% korrekt, aber sicher nahezu korrekt. Im Menschenschach sind Fehler in solchen Varianten unvermeidlich, in Rapidpartien sowieso. Ich denke, dass Weiss verpflichtet ist, mit Zügen wie 14.Db3 um die Initiative zu kämpfen.

Starke Grossmeister haben immerhin erkannt, dass die schachliche Wahrheit in solchen scharfen konkreten Varianten mit Drohungen und Gegendrohungen zu suchen ist. Der Textzug geschieht in der prinzipiell gleichen Absicht, hat aber das Pech, dass der Konter d5-d4 viel stärker ist.

14.Sh5?! Sxh5 15.Lxh5 Sc6

Hier hätte er erkennen müssen, dass 16…d4 alle seine Drohungen übertrumpfen würde, er daher diese bedienen müsste. Der Computer schlägt 16.Lc3 vor, mit der Idee 16…d4 17.bxa5

Nun funktioniert das thematische. 17…Lc5 18.exd4 Sxd4 wegen 19.Lxf7+ Kxf7 20.Dh5+ nebst 21.Dxc5 nicht, und auch 19…Kh8 20.Dh5 Sxb5+ 21.Dxc5 Sxc3 22.Lxe8 Se2 23.Kf2 Dxe8 24.Kxe2 verliert Holz.

17…Dd5 ist der angemessene Konter 18.a4 Txa5 19.Lxa5 Lxa5 mit schöner Kompensation für die Qualität.

Nach 17.Lc3 liegt 17…axb4 nahe. 18.axb4 Txa1 19.Dxa1 d4 20.Sxd4 Sxd4 21.Lxd4 Lxd4 22.Dxd4 Dxd4 23.exd4 Td8. Ein schwieriges Endspiel.

16.f5 d4

Die Lage hat sich zugespitzt. 17.bxa5 Txa5 18.Db3 hätte die Gegendrohung Lxf7+ aufgestellt. 18…Tf8 bedient und droht dxe3 nebst Dg5. Wieder ist mit 19.Sd6 ein scharfer Zug notwendig, 19…Dxd6 20.Dxb6. 20.Dd8 würde den schwarzen Vorteil festhalten.

17.Dg4?

Er bedient die Drohung dxe3, aber droht leider nichts. Der ungedeckte Sb5 ermöglicht Materialgewinn: 17…Te5

18.Sxd4 Sxd4 18.Lxd4 Lxd4 19.exd4 Dxd4+ 20.Kh1, und 20…Txf5 ist tödlich, der Turm ist unverletzlich, weil a1 hängt, und es droht Txf1+

18.a4 Txf5 19.Txf5 g6 20.Tf1 Lxf5 21.Txf5 dxe3 22.dxe3 Lxe3 24.Kh1 Dd3, Die Drohung Db1+ kostet den Turm f5.

17…Dd5?

Dieser Zug wäre auch ganz nett, aber er übersieht etwas kleines. 18.Lxf7+.

18…Kxf7 19.Dh5+ Kf8 20.Dxh7 droht tödlich f6. 20…Dg8 21.Dh4 erneuert diese Drohung. Das Hauptproblem ist, dass f5-f6 die Gabel f6-f7 droht. Die Dame kann er nicht wegziehen, also 21…Td8 22.f6 g6 23.f7 Dg7. Jetzt säubert er mit 24.bxa5 Txa5 25.a4 die Diagonale a3-f8, was 25…Lc5 erzwingt. Nach 26.exd4 darf Schwarz nicht mehr zurück nehmen, 26…Lb4 27.Dxe4. Weiss gewinnt im Angriff.

18…Dxf7 19.Sd6 De7 20.Sxe8 Dxe8 21.b5 Se7 22.Dxe4 dxe3 23.dxe3 Lxf5 24.Txf5 Sxf5 25.Dxf5 Dxe3+ 26.Kh1 De7 mit Ausgleich.

18.bxa5?! Se5 

18…Txa5 19.a4 g6 wäre stärker gewesen, denn jetzt konnte sich Weiss wieder mit 19.Lxf7+ retten. Schlägt der König, zieht die Dame mit Schach aus dem Angriff weg.

19…Dxf7 20.Dg3 greift den Lb6 an. 20…Txa5 21.Sd6 Dd7 22.Sxe8 Dxe8 23.Lxd4 Lxd4 24.exd4 Sf7 25.f6 g6. Weiss steht auf jeden Fall nicht schlechter.

19.Sxf7 20.axb6 Dxb5 21.Lxd4 g6 22.Tac1. Er droht den Läufer zu fressen, 22…Ld7 23.Tc7 ändert nichts, daher 22…Lxf5 23.Dh4, droht mit 24.Df6 mattzusetzen, um die Mattdrohung abzuwehren muss Schwarz Ld4 schlagen, welcher wegen Dxb6 nicht von d4 weg kann. 24…Tad8 25.Df6 Txd4 26.Dxd4. Weiss steht besser.

19.Dg5?? Ld8 20.Dg3 Dxb5

Er hat nichts für die Figur, die er eingestellt hat, und es wird auch nicht mehr spannend.

21.Lxd4 Lf6 22.Tac1 Sd7 23.Tc5 Da6 24.Td5 Lxd4 25.Txd4 Sf6 26.Ld1 Dxa5 27.Df2 Dxa3 28.g4 Ta5 29.Dg3 h6 30.h4 h5 31.g5 Sg4 32.Lxg4 hxg4 33.Dxg4 De7 34.h5 De5 35.g6 f6 36.Tf4 Lxf5 37.Dg2 Td5 38.Df2 Le6 39.Tdxe4 Dxh5 40.Df3 Tg5+ 41.Kf1 Dxf3+ 42.Txf3 Lh3+ 0–1

Grossmeister lassen sich im Kampf um die Initiative gern auf unübersichtliche und komplizierte Abspiele ein. Sie vertrauen auf ihren  taktischen Durchblick. Diese Partie ist zwischen dem 13. und 19. Zug entschieden worden. Alles drehte sich um den Einschlag Lxf7+, welchen wohl beide nie auf der Rechnung hatten. In einer langen Partie wäre ihnen das sicher nicht passiert.

David Navara (2735) – Ian Nepomniachtchi (2714) 
European Individul Chess Championship 2015, Jerusalem (9), 05.03.2015

Die Kontrahenten mögen mir verzeihen, dass ich sie in die Reihe der ‚gewöhnlichen‘ Grossmeister stelle. Sie sind immerhin Vertreter der Top 50.

1.Sf3 Sf6 2.c4 c5 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e3 Sxc3

Ich halte diesen Zug wegen dem Tauschverbot für zweifelhaft. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass Schwarz nachher ganz vernünftig steht, wenn Weiss das natürliche d2-d4 spielt.

6.bxc3 Dc7 7.Lb2

Es beginnt eine Art Katz- und Maus-Spiel um die optimale Aufstellung. Wenn er sofort 7.c4 zieht, hat Schwarz die Antwort 7…e5. Der Zug richtet sich dagegen und gegen 7…g6, was in dieser Struktur oft gespielt wird. Ich vermute, dass Schwarz 6…g6 unterlassen hat, weil ihm 7.h4 nicht gefiel.

7…Sd7 8.Db3 e6 9.c4 b6 10.a4 Lb7 11.a5

Navara zog erst c3-c4, nachdem sich Nepomniachtchi zu e7-e6 bequemt hatte, dann  begann er auf der a-Linie etwas Druck auszuüben. Nepomniachtchis nächster Zug ist ein kleines Eingeständnis. Mit seiner Bauernstellung wird er kaum um die Initiative kämpfen können und er gibt Weiss die Gelegenheit, h7 unter Beschuss zu nehmen.

Flexibler war 11…Td8 mit der Idee 12…e5, was gerade wegen 11…e5 12.axb6 axb6? 13.Txa8+ Lxa8 14.Sxe5 Sxe5 15.Lxe5 Lxe5 16.Da4+ nicht geht.

11…Td8 12.Dc2 Sf6 mit Ausgleichschancen.

11…f6 12.Ld3 Ld6?!

Zu optimistisch. 12…Le7 war angebracht. 13.Dc2 f5 14.Lxg7 Tg8 mit schönem Gegenspiel. Er sollte auf 14.Lxg7 verzichten, nach 14.0-0 0-0 15.Le2 hat er nicht viel.

13.Dc2 f5 14.Sg5

Das ist der Haken. 12…Le7 hätte dies verhindert. Nun steht er passiv und kommt nicht recht zur Rochade.

14…Sf8

Nach 15.Le2 wäre 15…Tg8 schon obligatorisch, wenn er nicht lang rochieren will. 16.Lh5+ g6 17.Lf3. Weiss steht klar besser.

15.f4 h6 16.Sf3

Eigentlich möchte Schwarz nicht in zwei offenen Turmlinien hinein lang rochieren. Trotzdem wäre dies sein gefährlichstes Gegenspiel gewesen. 16…0-0-0 mit der Idee Tg8 nebst g7-g5.

16…Sh7 war ebenfalls möglich, aber passiver. 17.0-0 0-0 18.Se5 Sf6 19.Le2.

16…Sg6 17.h4

Nachdem er sich sein Gegenspiel mit g7-g5 selber verbaut hat, kam nur noch 17…0-0 in Frage. 18.h5 Se7 19.axb6 axb6 20.Txa8 Lxa8 21.Th3. Die Verteidigung ist schwierig, aber nicht aussichtslos.

17…0–0–0?

Er schenkt seinem Gegner eine entscheidende Initiative.

18.axb6 axb6 19.Lxf5 Sxf4 20.Le4 Lxe4 21.Dxe4 Sd3+ 22.Ke2 Sxb2 23.Thb1 The8 24.Txb2 Db7 25.Db1 Lc7 26.Tba2 Lb8 27.Ta8 Td6

Das war alles so gut wie erzwungen. Schwarz steht auf Verlust. Navara brauchte sich hier mit 28.T1a7 nicht zu beeilen. 28.Dg6 Te7 29.Se5 und T1a7 ist nicht abzuwehren,

28.T1a7 Dxa7 29.Txa7 Lxa7 30.Se5 Ted8 31.d3 Tf8 32.g4 Lb8 33.Dh1 h5 34.gxh5 Tf5 35.Sg6 Tf7 36.De4 Tf6 37.Se7+ Kc7 38.Dh7 Tf7 39.Sg6 e5 40.Sxe5 Te7 41.Sg6 Ted7 42.Sf4 Kb7 43.Df5 Lc7 44.e4 b5 45.Sd5 bxc4 46.dxc4 Td8 47.e5 Te8 48.Sxc7 Kxc7 49.Df7+ Kd8 50.Dxe8+ Kxe8 51.exd6 Kd7 52.Kf3 Kxd6 53.Ke4 1–0

Wenn Sie diese Partie in einem Schachkurs als Huber-Moser, Heiterweid-Open 2012 vorstellen, wird es allerlei Kritik an der beidseitigen Spielführung geben, aber auch Lob für die entscheidende Kombination im 19. Zug.

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