Schablone

Gerade eben habe ich meine Frühstücks-Kaffee-Partie gewonnen. Daraufhin habe ich mich gewundert, ob die Stellung nach dem 9. Zug von Schwarz bereits vorgekommen ist. Sie ist.

Ich – Er, Blitz 3’+2“
1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6 5.Sc3 Dc7 6.g3 Sf6 7.Lg2 a6 8.O-O b5 9.Te1 Lb7 10.Sd5 exd5 11.exd5+ Se7 12.d6 Dxd6 13.Lxb7 Ta7 14.Lg5 Db6 15.Lg2 Kd8 16.Le3 Sed5 17.Se6+ Dxe6 18.Lxa7 1-0

1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6 5.Sc3 Dc7 6.g3 Sf6 7.Lg2 a6 8.O-O b5??

Er spielt sein Patent-Schema auf alles was da kommen mag.

Der beliebteste Zug ist 8…Le7, um auf 9.Sxc6 mit dem d-Bauern zurück nehmen zu können. Nach 9.Te1 O-O 10.Sxc6 dxc6 11.e5 Td8 12.De2 Sd5 hat Schwarz in etwa ausgeglichen.

Am zweit häufigsten wird 8…Sxd4 9.Dxd4 Lc5 10.Lf4 d6 11.Dd2 gespielt.

Auch 8…Lc5 ist möglich, mit der Hauptvariante 9.Sxc6 dxc6 10.Sa4 La7 11.c4

8…d6 gilt als etwas verdächtig, wegen 9.Te1, und jetzt:

9…Ld7 10.Sxc6 Lxc6 11.Sd5 oder 10…bxc6 11.Sa4
9…Le7 10.Sxc6 bxc6 11.e5 dxe5 12.Txe5 Ld6 13.Lf4, und es droht 14.Txe6(+).
Schwarz braucht keinen dieser zwei Züge zu machen. Vor allem 9…Sd7 punktet mit 60% sehr gut, allerdings sehe ich nicht, was daran so stark sein soll. Auch 9…Tb8 wurde öfters versucht.
In einer Turnierpartie hatte ich 9…h5, was nach 10.h3 den Zug 10…Le7 verstärkt. In dieser Partie kam 11.Sxc6 bxc6 12.e5 dxe5 13.Txe5 Dxe5 14.Lxc6+ Ld7 15.Lxa8 h4 mit Gegenspiel.

9.Te1?!

Ebenfalls Schablone. 9.e5 erzwingt 9…Sg8, nach 10.Sxc6 dxc6 11.Se4 steht Schwarz auf Verlust, weil 11…Dxe5 wegen 12.Lf4 nicht geht.

9…Lb7 10.Sd5 exd5?!

Derselbe Gegner hatte ein paar Tage zuvor wenigstens noch 10…Sxd5 11.exd5 Sxd4 12.Dxd4 Dc5 versucht. Schon Hübner hat in seinen 55 feisten Fehlern behauptet, dass Schachspieler viel eher dazu neigen, Fehler zu wiederholen, anstatt aus ihnen zu lernen. Oder sie sogar zu ‚verstärken‘, möchte man angesichts dieser Partie anmerken.

11.exd5+ Se7 12.d6 Dxd6 13.Lxb7 Ta7 14.Lf4 Db6 15.Lg2 Kd8 16.Le3 Sed5 17.Se6+ Dxe6 18.Lxa7 1-0

Ich habe im Artikel über die Filtertheorie behauptet, dass die berühmte Mustererkennung eher schadet als nützt. Was dann zwei meiner Leser nicht einfach so hinnehmen mochten. Trotzdem, ich bleibe im Wesentlichen dabei. Die meisten Fehler geschehen dadurch, dass die Spieler in einer Stellung eben gerade eines ihrer Muster erkennen und dabei das Wesentliche übersehen.

Selbstverständlich gibt es auch nützliche Muster, wie das Springeropfer im 10.Zug, welches zu meinem technischen Rüstzeug gehört. Mein Muster war eben besser als seins. Er hatte ja nichts anderes im Sinn, als sein Patent herunter zu spulen, was sich als das falsche Muster erwies.

Ich habe dann die Stellung nach dem 9. Zug gesucht, und fand Erstaunliches. Denselben Fehler hatten zwei 2000-er, aber auch ein 2300-er begangen, welcher denn auch gegen einen 1900-er verlor. Als Fundstück der besonderen Art erwies sich die folgende Partie:

Joseph Blackburne – Wilfried Paulsen
Nürnberg 1883
1.e4 c5 2.Sc3 e6 3.Sf3 a6 4.d4 cxd4 5.Sxd4 Dc7 6.g3 b5 7.Lg2 Lb7 8.O-O Sf6 9.Te1 Sc6 10.Lg5 Sxd4 11.Dxd4 Lc5 12.Dd2 Sg4 13.Sd1 O-O 14.b4 Ld6 15.Se3 Sxe3 16.Txe3 f6 17.Td1 Lxb4 18.Dxb4 fxg5 19.Tc3 Lc6 20.De7 De5 21.Tc5 Db2 22.e5 Tf7 23.Dxg5 Lxg2 24.Kxg2 Dxa2 25.Tc7 Taf8 26.Tdxd7 b4 27.Kh3 Da5 28.Txf7 Txf7 29.Dd8+ Tf8 30.Txg7+ 1-0

1.e4 c5 2.Sc3 e6 3.Sf3 a6 4.d4 cxd4 5.Sxd4 Dc7 6.g3 b5 7.Lg2 Lb7 8.O-O Sf6? 9.Te1 Sc6 10.Lg5?

Damals wurde nach ganz anderen Mustern gespielt. Weiss hatte eine noch unentwickelte Leichtfigur, und die entwickelte er nun. Nebst 10.Sd5 kamen auch 10.Lf4 und 10.e5 in Frage. Hier ein paar mögliche Fortsetzungen:

10.e5 zwingt Schwarz praktisch, seinen Springer ‚zurück‘ zu entwickeln.
10…Sg8 11.Sxc6 Lxc6 12.Lxc6 Dxc6 13.Se4 mit Vorteil, denn
10…Sxd4 11.exf6 Lxg2 12.Dxd4 Lc5 13.Dd3 Lc6 14.fxg7 Tg8 15.Dxh7 verliert.

10.Lf4 e5 11.Sf5 exf4 12.e5,
10.Lf4 d6 11.Sd5 exd5 12.Sxc6,
10.Lf4 Se5 11.Sd5 Db8 12.a4,
in allen Fällen mit Gewinn. 10.Lf4 wäre ein Entwicklungszug gewesen.

10.e5 hätte dem von Tarrasch propagierten Tempokampf durchaus genügt. Für diesen Fall wäre also ein Muster da gewesen. Opfer hingegen gehörten damals nicht zum Repertoire und Blackburne konnte dem entsprechend nichts erkennen.

In der damaligen Auffassung entsprach die Schachstrategie der Kriegsstrategie. Erst mal die Truppen aufmarschieren lassen, und dann Frontal-, Flanken-Angriffe oder Umgehungsmanöver starten.

10…Sxd4 11.Dxd4

Angesichts der Partiefortsetzung wäre 11.Lxf6 Sxc2 12.Dxc2 gxf6 13.Dd2 durchaus eine Erwägung wert gewesen.

11…Lc5 12.Dd2 Sg4 13.Sd1 O-O 14.b4

Da nun die Eröffnung vorbei ist, fällt er ins alte Schema zurück, und macht einen ‚Angriffszug‘.

14…Ld6

Erlaubt Weiss, seinen Entwicklungsnachteil zu reparieren.

15.Se3 Sxe3 16.Txe3

Denn 16.Lxe3 wäre ja ein Tempoverlust gewesen.

16…f6 17.Td1?

17.Lf4 wäre gegangen, z.B. 17…e5 18.Td1 Lxb4 19.Dxb4 exf4 20.gxf4 Dxf4 21.Txd7.

16…Lxb4 18.Dxb4 fxg5 19.Tc3 Lc6 20.De7 De5?

Er stellt seinen Mehrbauern ein.

21.Tc5 Db2 22.e5 Tf7 23.Dxg5 Lxg2 24.Kxg2 Dxa2 25.Tc7 Taf8 26.Tdxd7

Weiss droht Txf7, Dd8+ nebst De7 oder Dd7 noch nicht wirklich, denn Schwarz hat auf d5 ein Zwischenschach. Weiss muss also zur Vorbereitung davon erst noch Kh3 ziehen.

Offensichtlich geht 26…Txf2+ 27.Kh3 nicht, weil er sich damit genau dieses Zwischenschach selbst wegnimmt.

Der beste Zug war 26…Da4, um auf e4 ein Zwischenschach zu geben. Oder nach 27.Kh3 dieses 27…De4 ohne Schach zu spielen. Allerdings müsste man 27.c4 bxc4 28.Txf7 Txf7 29.Dd8+ Tf8 30.De7 Txf2+ mit ewigem Schach sehen.

26…b4 27.Kh3 Da5??

Er hatte also die Drohung nicht einmal gesehen und verstärkt sie noch.

Die Lösung bestand in 27…Da1 28.Txf7 Df1+ 29.Kg4 Txf7. Nach 30.Dd8+ Tf8 geht De7 nicht, weil der e-Bauer hängt. Weiss kann mit 30.Tc8+ Tf8 31.De7 De2+ 32.Kh4 Dxf2 33.Txf8+ Dxf8 34.Dxe6+ Df7 35.Dc8+ Df8 36.Dxa6 einen Bauern gewinnen, aber nach 36…g6 sollte es nicht zum Gewinn reichen.

28.Txf7 Txf7 29.Dd8+ Tf8 30.Txg7+ 1-0

Diese zwei Partien haben sehr wohl mit Mustererkennung zu tun. Für mich war das Opfer reine Routine und ich brauchte kaum eine halbe Minute für die Partie. Mein Gegner hätte es kennen sollen. Ich erinnerte mich genau an die Vorgängerpartie, und ihm wird sie nach 10.Sd5 auch wieder in den Sinn gekommen sein. Das konkrete taktische Muster war ihm hingegen sicher nicht geläufig.

Die Eröffnung heisst nicht von ungefähr Paulsen-System. Gerade Systemspieler, die glauben, es reiche, eine Serie von Systemzügen in beliebiger Reihenfolge hinzublitzen, werden davon magisch angezogen. Er hätte mindestens die Theorie der Variante, so wie ich sie kurz dargelegt habe, kennen sollen. Ich kenne ein paar Paulsen-Spieler. Sie haben meist so um die 2100 Elo, sie alle kennen keine Theorie und manche von ihnen haben eine Vorliebe für den Zug h7-h5. (Gruss an D. P.!) „Weil das die Judit Polgar immer gemacht hat“. Oder eben für das „aggressive“ b7-b5.

Was die Weltklasse des 19. Jahrhunderts betrifft, gibt allein schon diese Partie Auskunft über ihre Spielstärke. Ferner gibt es keine einzige Partie aus dieser Zeit, in der ein Springer auf d5 geopfert wurde. Überhaupt kamen sizilianische Opfer erst so um 1950 herum in Mode. Vorher wurde die Eröffnung rein ‚positionell‘ gespielt. Trotzdem; Die Züge sind alle da, du brauchst sie nur zu machen, und einer muss der erste sein. War es diesen Spielern wirklich unmöglich sie zu sehen?