Mythos Minoritätsangriff

Gerade habe ich im Web einen instruktiven Beitrag zum Minoritätsangriff in der Karlsbader Struktur des Damengambits gefunden. Das erste Partiebeispiel ist sehr interessant.

Anatoli Karpov – Daniel Campora
San Nicolas 1994
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.cxd5 exd5 5.Lg5 Le7 6.e3 O-O 7.Ld3 Sbd7 8.Sf3 c6 9.Dc2 Te8 10.O-O Sf8 11.h3 Le6 12.Lxf6 Lxf6 13.b4 Tc8 14.Sa4 Tc7 15.Tac1 Le7 16.Db1 Ld6 17.b5 Df6 18.bxc6 bxc6 19.Sh2 Dh4 20.Lf5 Dh5 21.Lxe6 Sxe6 22.Sf3 f5 23.Tc3 Sd8 24.Sc5 Lxc5 25.Txc5 Se6 26.Tc3 f4 27.e4 h6 28.Te1 Tce7 29.Txc6 dxe4 30.Txe4 Dd5 31.Tc3 Df5 32.De1 Dd5 33.Kh1 Dd6 34.Dd2 Sg5 35.Txe7 Dxe7 36.Dxf4 Db4 37.Sxg5 hxg5 38.Dd2 g4 39.hxg4 1-0

1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.cxd5 exd5 5.Lg5 Le7 6.e3 O-O 7.Ld3 Sbd7 8.Sf3 c6 9.Dc2 Te8 10.O-O Sf8 11.h3 Le6 12.Lxf6

Das findet der Autor Ralph Schroll vom SKS Schwanstetten unlogisch. Ich auch. Üblich ist 12.Tab1.

12…Lxf6 13.b4 Tc8 14.Sa4 Tc7 15.Tac1 Le7 16.Db1 Ld6

Hier war 16…Dc8 möglich, denn auf 17.b5 gewinnt 17…Lxh3 18.gxh3 Dxh3 19.Se5 f6 20.Lf5 Dh5. Auf 17.Sc5 war 17…Lxh3 mit forciertem Remis möglich. 18.gxh3 Dxh3 19.Se5 Lxc5 20.Txc5 Txe5 21.dxe5 Dg4+.

17.b5?!

Der Minoritätsangriff beginnt. Relativ besser war 17.Sc5 Lc8 18.Lf5, ein unorthodoxer Zug. Er tauscht den ’schlechten‘ Läufer des Gegners ab. Dieser Läufer war aber auch eine ständige Bedrohung des Bauern h3, was wir soeben gesehen haben, und später wieder sehen werden.

17…Df6 18.bxc6 bxc6 19.Sh2?

19.e4 würde nach 19…dxe4 20.Lxe4 Lxa2 21.Dxa2 Txe4 einen Bauern verlieren. Auch 19…Df4 20.e5 Lxe5 21.Sxe5 Dxd4 22.Sxc6 Dxa4 führt zum selben Ergebnis. Das Problem war, dass es schon nichts besseres mehr gab.

19…Lxh3 20.gxh3 Dh4 gewinnt, ist aber alles andere als simpel. 21.Lf5 scheitert an 21…Txe3 22.Tc3 Dg5+, und jetzt geht 23.Kh1 wegen 23…Df4 nicht. Nach 23.Sg4 Txc3 24.Sxc3 h5 holt Schwarz die Figur zurück und behält zwei Bauern mehr.

Auch 19…Lxh3 20.gxh3 Dh4 21.Kg2 Txe3 22.Sf3 Txf3 23.Kxf3 ist für Schwarz gewonnen, der Beweis allerdings nicht trivial. Schwarz möchte Se6 spielen, aber darauf hat Weiss ein Damenschach. Als Alternativen bieten sich Dxh3+ und Te7 an.

23…Te7 24.Th1 Te6 25.Kg2 Tf6 26.Tc2 Se6 27.Dd1 h5 28.Sc5 Sxd4 mit Gewinnstellung laut Stockfish 11, ist jedoch höchst anspruchsvoll.

23…Dxh3+ 24.Ke2 Dg4+ 25.Kd2 Dxd4 26.Sc3 Lf4+ 27.Kc2 Lxc1 28.Dxc1 sollte hingegen technisch gewonnen sein.

19…Dh4 20.Lf5

Der einzige Zug, der das Opfer verhindert.

20…Dh5 21.Lxe6 Sxe6 22.Sf3 f5 23.Tc3 Sd8?

Er beschliesst, den Sorgenbauern mt dem Springer zu decken, um mit dem Turm angreifen zu können.

Logisch und selbstverständlich war 23…f4, vielleicht gefiel ihm 24.e4 dxe4 25.Dxe4 nicht, aber das führt nach 25…Sg5 26.Dc2 Sxf3+ 27.Txf3 Dd5 zum Totalausgleich.

24.Sc5 Lxc5 25.Txc5 Se6 26.Tc3 f4 27.e4 h6

Danach wird er erdrückt. Das Turmendspiel nach 27…dxe4 28.Dxe4 Sg5 29.Dxf4 Sxf3+ 30.Txf3 Tf7 31.Dxf7+ Dxf7 32.Txf7 Kxf7 bot vielleicht noch Remischancen.

28.Te1 Tce7 29.Txc6

Der Minoritätsangriff ist durchgedrungen. Das lag aber keineswegs an seiner Kraft, sondern am schwachen Spiel seitens Schwarz. Karpows Fehler war, dass er schablonenhaft auf seinem Plan beharrt, anstatt die Stellung konkret zu bewerten. Korrekterweise hätte der Minoritätsangriff in dieser Partie gar nie stattgefunden.

29…dxe4 30.Txe4 Dd5 31.Tc3 Df5 32.De1 Dd5 33.Kh1 Dd6 34.Dd2 Sg5 35.Txe7 Dxe7 36.Dxf4 Db4 37.Sxg5 hxg5 38.Dd2 g4 39.hxg4 1-0