Die neuen Ideen

Fähndrich und Kaufmann – Capablanca und Réti
Wiener Schachklub 1914

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.exd5 exd5 5.Ld3 c5 6.dxc5 Lxc5 7.Lg5 Le6 8.Sf3 Sc6 9.O-O O-O 10.Se2 h6 11.Lh4 Lg4 12.Sc3 Sd4 13.Le2 Sxe2+ 14.Dxe2 Ld4 15.Dd3 Lxc3 16.Dxc3 Se4 17.Dd4 g5 18.Se5 Lf5 19.Lg3 Sxg3 20.hxg3 Lxc2 21.Sg4 Db6 22.Sf6+ Kh8 23.Dxb6 axb6 24.Sxd5

1922 erschien das schachhistorisch bedeutendste Werk des 20. Jahrhunderts, Richard Rétis „Die neuen Ideen im Schachspiel“. Es ist eine Sammlung von kleinen Aufsätzen. Vermutlich recycelte Réti darin ältere Artikel aus seinen Schachspalten.

Er beschreibt die Entwicklung, die das Schachspiel in den hundert vorangehenden Jahren gemacht hatte. Er fängt damit an, dass die Spieler vor Morphy geistlos alles angriffen und womöglich frassen, was in der Gegend herum stand, und führt als abschreckendes Beispiel Kieseritzkys Spiel in der „Unsterblichen“ gegen Anderssen an. Dann zeigt er anhand Morphys Partien, wie das Prinzip, mit jedem Zug eine Figur zu entwickeln, entstand. Er demonstriert anschliessend, wie Steinitz dieses Prinzip relativierte, weil es in geschlossenen Stellungen „in erster Reihe nicht auf die Figurenentwicklung, sondern auf gewisse dauernde Positionsmerkmale ankomme.“ Insbesondere auf das, was man heutzutage Raumvorteil nennt. Im zweiten Teil kommt er auf die „neuen Ideen“ zu sprechen und stellt fest: „Beim eingehenden Studium der Partien Capablancas erkannte ich schliesslich, dass er an Stelle des Morphyschen Prinzips, in der Eröffnung möglichst rasch alle Figuren zu entwickeln, nach einem anderen Prinzip spiele, nämlich, in jeder Stellung einen möglichst positionsgemässen Plan als Leitfaden zu haben. Jeder Zug, der den Plan nicht fördert, auch wenn er eine Figur entwickelt, ist Tempoverlust.“

Aufgrund dieser Erkenntnis war es ihm „möglich, folgende kurze Partie zu spielen:“ 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Lc5 4.Sxe5 Sxe5 5.d4 Lxd4 6.Dxd4 Df6 7.Sb5! Kd8 8.Dc5 1-0. Offenbar bekam die Gewinnkombination 7.Sb5 ein Ausrufezeichen, weil er den Springer ein zweites Mal zog, ohne zuvor die anderen Figuren entwickelt zu haben.

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.exd5 exd5 5.Ld3 c5 6.dxc5 Lxc5 7.Lg5

Er bringt diese Partie im Hinblick auf die Stellung, die nach dem 14. Zug von Weiss entstand. Ich fühle mich jedoch bemüssigt, auch andere Züge zu kritisieren, z.B. diesen; Ist er nun ein geistloser Entwicklungs- oder ein geistloser Angriffszug? Er droht scheinbar, auf f6 zu schlagen, was Capablanca und Réti veranlasste, den Bd5 – nota bene mit einem Entwicklungszug – zu decken. Der Zug droht genau nichts, Schwarz konnte bequem rochieren. Nimmt Weiss auf f6, gibt Schwarz ein Zwischenschach, schlägt dann mit der Dame zurück und droht auf f2 Matt.

Zudem droht nach 7…O-O dieses Turmschach, 8.Sge2 geht wegen 8…Lxf2+ nicht. Weiss hat bereits seine Probleme. Z.B. 8.Dd2 h6 9.Lh4 d4, und hier geht 10.Se4 wegen 10…Sxe4 nicht. Nach 10.Sce2 Te8 steht Schwarz gut.

7.Sf3 war der angemessene Zug.

7…Le6 8.Sf3 Sc6

8…h6 9.Lxf6 Dxf6 10.Lb5+ Sc6 11.Sxd5 Lxd5 12.Dxd5 Lb4+ gäbe Schwarz eine Menge Kompensation. Angezeigt wäre 13.Kf1 O-O, es sei denn, er will 13.c3 Lxc3+ 14.bxc3 Dxc3+ 15.Ke2 Db2+ 16.Sd2 O-O 17.Thb1 Sd4+ 18.Ke1 Dc3 19.Tc1 Sc2+ 20.Kf1 Tad8 21.Dc4 Dxc4+ 22.Sxc4 Sxa1 23.Se3 riskieren.

Abgesehen davon würden die meisten 8…O-O ziehen, denn dieser Zug muss so oder so kommen, während der Springer sich die Wahl zwischen c6 und d7 vorbehält.

9.O-O O-O 10.Se2

Grauenhaft. 10.Dd2 oder 10.Te1 waren angebracht. Die Kontrahenten weichen vom Entwicklungsprinzip ab, weil sie einen „stellungsgemässen“ Plan haben, nämlich den, das Feld d4 zu kontrollieren…

10…h6 11.Lh4 Lg4

…was sich hiernach als illusorisch heraus stellt.

12.Sc3 Sd4

In der korrekten Erkenntnis gespielt, dass 13.Lxf6 Dxf6 14.Sxd5 Dd6 15.c4 nicht spielbar ist. Allerdings verpflichtet sich Schwarz dazu, demnächst diesen Springer abzutauschen, was man gemäss meinem Tauschverbot nicht freiwillig tun sollte. Mit 12…g5 13.Lg3 Te8 liesse sich eher auf einen Vorteil spielen.

13.Le2 Sxe2+ 14.Dxe2

„Hiemit war eine Stellung erreicht, in der man die Möglichkeit hatte, eine bisher unentwickelte Figur zu entwickeln, und zwar sogar mit Angriff. (14…Te8) Nach den Prinzipien der damals geltenden Schachtechnik, in der ich aufgewachsen war, die für offene Stellungen noch fast völlig mit Morphys Ideen übereinstimmte, hätte jeder Meister, ohne sich zu bedenken, hier diesen Zug gewählt. Zu meinem grossen Erstaunen wollte Capablanca aber diesen Zug, den ich für selbstverständlich hielt, überhaupt nicht in Betracht ziehen. Und er fand schliesslich folgendes Manöver, durch welches er mindestens ein Verschlechterung der weissen Bauernstellung und dadurch in weiterer Folge den Sieg erzwang.“

14…Ld4

In der Tat führt 14…Te8 15.Dd3 nur zum Ausgleich. Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass nun d5 hängt. Man sollte eben den Gegner nicht zu Gegenangriffen zwingen.

Eher im Sinne Capablancas war aber 14…Tc8 mit der Idee 15.Dd3 Lxf3 16.Dxf3 Ld4 17.Lxf6 Dxf6 18.Dxf6 Lxf6 19.Sxd5 Txc2 20.Sxf6+ gxf6 was zwar auch nicht gewinnt, aber etwas Druck macht.

15.Dd3 Lxc3 16.Dxc3 Se4 17.Dd4 g5 18.Se5 Lf5

Hier enden Rétis Erörterungen. Somit hatte Capablanca „eine Verschlechterung der weissen Bauernstellung erzwungen.“ Welche denn genau? Es kann sich nur um…

19.Lg3 Sxg3 20.hxg3 Lxc2

…handeln. Zu Rétis Pech führt das zu gar nichts, wegen

21.Sg4 Db6 22.Sf6+ Kh8 23.Dxb6 axb6 24.Sxd5.

Das Beispiel lasse ich als prägendes Erlebnis Rétis durchgehen – er war damals 25 Jahre alt – und ich glaube ihm, dass es seine Denkweise im Schach nachhaltig beeinflusst hat. Seine Schlussfolgerung mit den „stellungsgemässen Plänen“ hat sich hingegen als nicht stichhaltig herausgestellt.

Um mit Magnus zu sprechen:
„Plans are overrated.“

„As long as your plans are good, there’s no need to hide them.“

„Often in chess is, you have to take it a bit move by move. It sounds contrary to what most people think goes on in chess. But often there are just so many possibilities that I can not think more than a couple of moves ahead, and if you are up against a strong opponent he or she will realize what your plans are and prevent them anyway.“

„Very very rarely I have any long-term plans at all, it’s all short term thinking mostly. You have to constantly re-evaluate the situation.“

„I don’t know why I know or I think that, because at some point it becomes all very very intuitive.“

„Most of the time you have some sort of ideal situation, some sort of dream that you want to obtain from that particular position.“

„You have to constantly re-evaluate the situation. That’s one of the things that set apart the best players from the seconde best, the ability to adjust to new situations alle the time.“

Zu Deutsch:
„Pläne werden überbewertet.“

„Solange deine Pläne gut sind, brauchst du sie nicht zu verbergen.“

„Oft ist es beim Schach so, dass man es Zug für Zug nehmen muss. Das klingt widersprüchlich zu dem, was die meisten Leute denken, was beim Schach vor sich geht. Aber oft gibt es einfach so viele Möglichkeiten, dass ich nicht mehr als ein paar Züge voraus denken kann, und wenn man es mit einem starken Gegner zu tun hat, wird er oder sie erkennen, was deine Pläne sind und sie sowieso verhindern.“

„Sehr, sehr selten habe ich überhaupt langfristige Pläne, es ist alles hauptsächlich kurzfristiges Denken. Man muss die Situation ständig neu bewerten.“

„Ich weiss nicht, warum ich etwas weiss oder denke, denn irgendwann wird das alles sehr, sehr intuitiv.“

„Die meiste Zeit hat man eine Art Idealsituation, eine Art Traum, den man von dieser bestimmten Position aus erreichen möchte.“

„Man muss die Situation ständig neu bewerten. Das ist eines der Dinge, die die besten Spieler von den zweitbesten unterscheiden, die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen.“