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Robert James Fischer – Jefim Geller
Skopje 1967.

Fischers kommentierte diese Partie selber in seinen „60 Memorable Games“. Fischer war 1967 noch nicht der Übermeister der Jahre 1970-1972. Immerhin gewann er schon längst jedes Turnier, an dem er teilnahm, vorausgesetzt, er zog sich nicht vorzeitig zurück, wie im Interzonenturnier im tunesischen Sousse im gleichen Jahr. Auch jenes Turnier hätte er zweifellos gewonnen.

Es ist etwas unfair, dass ich Fischer ausgerechnet mit einer Verlustpartie vorstelle. Ich habe sie vor ein paar Jahren tagelang analysiert. Damals hatte ich die Idee, Fischer in dynamischen Stellungen Schwächen nachzuweisen, jetzt denke ich, dass es einfach eine schöne, spektakuläre Partie ist.

Geller war der einzige Spieler, der über mehrere Partien hinweg ein ausgeglichenes Resultat gegen Fischer zustande gebracht hat. Daraufhin angesprochen, meinte er, dass er Fischers intuitives Spiel für nicht besonders stark hielt, er ihm daher wo immer möglich „unberechenbare“ unklare Stellungen vorsetzte. Ein Jahr darauf spielte er gegen Fischer mit Schwarz die Bauernraub-Variante im Najdorf, obwohl er die sonst nie anwandte, und nicht einmal speziell vorbereitet hatte. Er gewann in 25 Zügen. Fischer war in jüngeren Jahren kein starker Angreifer und er konnte diese Schwäche nie ganz ablegen.

1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 Sc6 6. Lc4 e6 7. Le3 Le7 8. Lb3 0-0 9. De2 Da5?! 10. 0-0-0 Sxd4 11. Lxd4 Ld7 12. Kb1 Lc6 13. f4 Tad8

Der Velimirovic-Angriff war damals noch neu. Der legendäre romantische Angriffsspieler Raschid Neschmedtinow war vermutlich der erste, der weissen Aufbau mit der langen Rochade verband, so um 1960 herum. Velimirovic selber rochierte 1965 gegen Peter Dely zum ersten mal lang.

Gellers Aufbau ist nicht gut, und Geller hat ihn auch nie nachgemacht, entgegen der Behauptung von Edmar Mednis in „Wie schlägt man Bobby Fischer?“

Geller selber gibt in „The Application of Chess Theory“ 12…Lc6 die Schuld. Nach 12…Tfc8, was er vorschlägt,  geht weder 13.f4 noch 13.g4 wegen 13…e5 nebst 13…L(x)g4. Diese Beobachtung ist sicher richtig.  Allerdings liegt 13.Td3 auf der Hand, wonach der Angriff nach 13…b5 14.f4 b4 15.e5 gewaltig ist. So gewinnt nach 15…dxe5 16.fxe5 Se8 Das Opfer 17.Tf1 bereits. Aber was soll er sonst ziehen, wenn er 13…b5 nicht zur Hand hat?

Ich meine, dass 9…Da5 falsch ist. Das behindert nur seinen eigenen Angriff. Die heutige Hauptvariante 9…a6 10.0-0-0 Dc7 ist völlig in Ordnung für Schwarz.

Mit seinem letzten Zug strebt er d6-d5 an und richtet sich gegen 14.e5 ein, wonach er 14…dxe5 15.fxe5 Sd5 plante. Fischer pflegte in diesen Stellungen auf die Beherrschung von d5 zu spielen. Also warum nicht 14.f5?

14…e5 15.Lf2 b5 16.Lh4 b4 17.Lxf6 Lxf6 18.Sd5 Lxd5 19.Txd5, wäre zweifellos unerquicklich für Schwarz.

Geller beabsichtigte 14…exf5 15.exf5 Tfe8 und beendet die Variante mit 16.Df2. 16.Dd3 ist stärker. Er kann sich gegen den Königsangriff nur wehren, wenn er den Springer nach e4 stellt, 16…d5 17.The1 Se4. Weiss gewinnt einen Bauern bei besserer Stellung: 18.Sxd5 Lxd5 19.Lxd5 Dxd5 20.Dxe4 Dxe4 21.Txe4.

14. Tf1 b5 15. f5 

Fischers 14.Tf1 hat ihm seinerzeit viel Lob und einige Ausrufezeichen eingetragen, der Zug wurde in manchen Partien kopiert.

Hier wäre die Alternative 15…e5 gewesen. 15.Le3 b4 16.Sd5 Lxd5 17.Lxd5. Fischer hat seinen Lieblingsaufbau erreicht und wird seinen Gegner am Königsflügel zerquetschen.

15… b4

16.Lxf6 Lxf6 17.fxe6 fxe6 18.Lxe6+ Kh8 19.Tf5 Le5 20.Sd5 Lb5 21.Df3 Txf5 22.exf5 Lc4. Auf einmal hat er Gegenspiel. Es geht nur noch 23.a3 bxa3 24.Dxa3 Dxa3 25.bxa3. Schwarz sollte jetzt durch ungleichfarbige Läufer Remis machen.

16. fxe6 bxc3

Für den folgenden Zug gibt sich Fischer selber ein Ausrufezeichen. Aus seiner Sicht erübrigt sich somit eine Analyse von Alternativen.

Murey und Boleslawski haben auf 17.Txf6 hingewiesen. 17…Lxf6 18.Lxf6 gxf6 19.e7 De5 20.exd8D Txd8 21.Dc4 Lxe4 22.Dxf7+ Kh8. Weiss steht klar besser. Ein direkter Gewinn ist nicht vorhanden, z.B. 23.Dc7 Te8 24.Txd6 Lxg2 25.bxc3, aber ich vermute stark, dass die bessere Königsstellung und die aktiveren Figuren für einen Fischer zum Gewinn gereicht hätten.

17…gxf6 verliert hingegen forciert wegen 18.exf7+. 18…Txf7 geht wegen 19.Lxf7+ Kxf7 20.Dc4+ nebst Dxc6 nicht. 18…Kh8 19.Dg4 und es droht zuviel: 20.De6, 20.Dh4 und 20.Td3

17. exf7+ Kh8 18. Tf5 Db4 19. Df1

Ein ausgezeichneter Zug, der 20.Txf6 droht. Sogar Computer halten die weisse Stellung zunächst für verloren, sehen dann aber ein, dass es Schwarz ist, der ums Remis kämpft.

19… Sxe4

Hier merkt Fischer an, dass ihm erst am Abend nach der Partie einfiel, dass 20.Th5 gewonnen hätte. Er begründet seine Ansicht mit 20…Sf6 21.Th6!! Sg4 22.Df4

22…Sxh6 23.Lxg7 Kxg7 24.Dxb4

22…Dxd4 23.Txh7+ Kxh7 24.Dxd4 Se5 25.Dxc3. Fischer steht klar besser, aber total verloren ist Geller nicht.

Er hätte (nach 20.Th5  Sf6 21.Th8 auch die Alternative 21…Txf7 22.Lxc3 Dg4 23.Lxf7 Tf8 24.Txf6 Lxf6 25.Ld5 gehabt, Mit einem Bauern weniger, aber aktiven Figuren.

20.Th5 Lf6 kommt nicht in Betracht, wegen 21.Df5 h6 22.Lxf6 Sxf6 23.Txh6+

Was alle übersehen haben, ist das erzwungene Remis nach

20.Th5 Sd2+ 21.Txd2 cxd2 22.Txh7+ Kxh7 23.Df5+ Kh6 24.Dh3+ Kg5 25.De3+ Kg6 26.Dd3+ Kh6 27.Dh3+

Weiss hat aber noch einen anderen Gewinnversuch:

20.Df4! Geller kommentiert: „This is the truth, established after many years of painstaking analysis.“ Auch Computer sehen den Zug nicht gleich. Man muss ihn ihnen auf die Nase binden. Es droht 21.a3 Db8 22.Dh6 Lf6 23.Txf6 und gewinnt. Schwarz muss 21.a3 verhindern.

20…Sd2+ 21.Txd2 cxd2 22.c3 und gewinnt, weil nach einem Wegzug der Dame 23.Lxg7+ mattsetzt.

20…cxb2. Jetzt ist die Remisvariante mit Sd2+ aus der Welt, und 21.Th5 droht Matt durch 22.Lxg7+ Kxg7 23.Dh6+ .

21…Sc3+ 22.Kxb2 Sd1+ 23.Kc1. Die dreizügige Mattdrohung Lxg7+ kostet die Dame. 23…Dxd4 24.Dxd4 d5 25.Dd3 h6 26.Tf5. W lässt nicht locker. Er holt den Springer ab, und steht mit dem Riesen auf f7 auf Gewinn.

21…Sf6. Erst jetzt hat 22.Th6 die rechte Wirkung!

22…Se4 23.Df5 Sg5. Hier gewinnen auch 24.h4 und 24.Dg4. Der Zug für die Galerie ist aber 24.Dg6, was 24…Dxd4 25.Txh7+ Sxh7 26.Txd4 erzwingt.

Nachtrag: Rybka 2, mit dem ich damals analysiert hatte, findet nach etwa einer Minute 20.Df4 und  schätzt es nach 5 Minuten mit 0.00 ein. Stockfish 5 braucht ebenfalls knapp eine Minute, um 20.Df4 als stärkstes anzugeben,  nach 5 Minuten ist seine Bewertung bei +1. Er sieht im 20. Zug den 23. Zug, Df5 nicht vorher.

22…Txf7 23.Lxf7 Le4 24.Lb3 d5 25.Lxf6 gxf6 26.Txf6 reicht auch nicht, die Partie zu halten.

Das herrliche Manöver 20.Df4! cxb2 21.Th5! Sf6 22.Th6! ist eine studienartige Folge von drei einzigen Gewinnzügen. Ich sammle solche Fälle und nenne sie Partiestudien. Das hier ist eine meiner Perlen.

20. a3? Db7

21.Th5! hätte 22.Df5 gedroht.

21…Dc8 22.Lxg7+ Kxg7 23.Df4 d5 24.Dh6+ Kxf7 25.Dxh7+ Ke8 26.Dg6+ Kd7 27.Dxe4 mit Ausgleich.

21…Sd2+ 22.Txd2 cxd2 23.Txh7+ remis.

21…Sg5 22.h4 (Jedesmal, wenn ich mir die Partie ansehe, entdecke ich neue Feinheiten. Können Sie etwa auf Anhieb sehen, was auf 22…Lxg2 kommt?) 22…Txf7 23.Txg5. Schon erstaunlich, was die Computer alles ans Tageslicht bringen. 23…Tdf8 24.Tg3 Ld5 25.Dd3 Lxb3 26.cxb3 cxb2 27.Kxb2 mit Ausgleich.

Nach dem Gewinn warf Fischer jetzt auch noch das Remis weg, weil er 21…La4 übersah.

21. Df4? La4 22. Dg4 Lf6 

23.Th5 Txf7 26.Dg6 Sg5 27.Txh7+ Sxh7 28.Dxf7 Dxf7 29.Lxf7 wäre hoffnungslos.

23. Txf6 Lxb3 0-1

Es droht 24…La2+ und Matt. Nach 24.cxb3 Sxf6 fehlt ihm ein ganzer Turm.

Eine Partie mit fantastischen Komplikationen. Gellers Stellung war nach der unglücklichen Eröffnung verloren, Fischer hatte sich intuitiv für das korrekte Springeropfer entschieden. Anschliessend war er jedoch von der Stellung überfordert, und hat selbst noch in der Analyse Gewinn-, Remis- und Verlust-Varianten durcheinander gebracht.

 

Garry Kasparow – Anatoli Karpow
Weltmeisterschaft 1990, Lyon, 20. Partie

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0-0 Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 d6 8. c3 0-0 9. h3 Lb7 10. d4 Te8 11. Sd2 Lf8 12. a4 h6 13. Lc2 exd4 14. cxd4 Sb4  15. Lb1 c5 16. d5 Sd7 17. Ta3 f5 18. Te3 Sf6 

Hier fing die Partie an. Bisher hatten beide Spieler rund 10 Minuten Bedenkzeit gebraucht. Karpow hatte zuvor im Kandidatenfinale 1990 gegen Timman 18…f4 gespielt.

Kasparow führte vor dieser Partie im Match mit einem Punkt Vorsprung. Karpow hatte seine Lieblingsverteidigung, die Smyslow-oder Saizew-Variante zu Beginn des Matches in New York angewandt, ging dann aber zum solideren 9…Sd7 nebst 10…Lf6 über. In der 4. Partie war Karpow nach 18.exf5 in Vorteil gekommen, und es sieht so aus, als ob Timmans 18.Tae3 keine Verstärkung bedeuten würde.

Die Computer wollen hier mit 19.exf5 Txe3 20.Txe3 Sfxd5 fortsetzen, mit bequemem Ausgleich. Offenbar hat Karpow etwas derartiges vorgeschwebt. An einen weissen Königsangriff ist nicht zu denken, und der Druck gegen den Damenflügel ist unangenehm. Kasparow findet die einzige Fortsetzung, die einen möglichen Königsangriff im Auge behält.

19. Sh2 Kh8 20. b3 bxa4 21. bxa4 

21…fxe4 22.Sxe4 Lxd5 23.Sxf6 Txe3 24.Txe3 Dxf6 25.Ld2 Tb8. Schwarz hat ein paar Figuren getauscht und einen Bauern mehr. Aber sein geschwächter Königsflügel gibt Weiss mehr als genügend Kompensation. In der Tat hat Schwarz nach 26.Lc3 Df4 27.Sf1 mit der Idee 28.Tg3 Mühe, die Drohungen gegen seinen König abzuwehren. Am besten würde er dann den gefährlichen Lb1 mittels 27…La2 abzutauschen versuchen.

21… c4 22. Lb2 

Karpow ist in die Drohung 23.Lxf6 Dxf6 24.Sxc4 hinein gelaufen. Seine Idee war es, den d-Bauern zu nehmen und dann den Erzfeind Lb1 mittels Sd3 zu neutralisieren.

22… fxe4 23. Sxe4 Sfxd5

Ein höchst bedrohliches Bild. Sämtliche weissen Figuren zielen auf den schwarzen König. Die härteste Drohung stellt
24.Dh5 auf, mit der Idee 25.Dxh6+ Kg8 26.Sg5, mit Matt oder Damenverlust. 24…c3 :

25.Lxc3 25…Sxc3 26.Sxc3 Txe3 27.Txe3 Dg5. Es drohte 28.Dg6. 28.Dxg5 hxg5 29.Sf3 mit dem besseren Endspiel für Weiss.

25.Txc3  war noch stärker: 

25…Sxc3 26.Lxc3 Te5 27.Lxe5 dxe5 28.Sf3 müsste gewinnen.

25…Te5 26.Dg6 De8 27.Tg3 Dxg6 28.Txg6 Sf4 29.Tg4. Er verliert eine Qualität, oder muss 29…Sfd3 30.Lxe5 Sxe1 31.Sxd6 zulassen.

25…Sf6 26.Dg6 Sbd5 27.Tf3 Se7 22.Dg3 Seg8 23.Tfe3  mit deutlichem Vorteil.

24. Tg3 Te6

Wohl erzwungen, es drohte 25.Tg6. Nach 24…Dc7 war 25.Dd2 Te6 26.Sg4 stark, 27.Sxh6 droht. 26…Tae8, um nach 27.Sxh6 c3 zu haben,  27.Tc1 verhindert dies und zieht den Turm aus der Fesselung, mit Gewinnstellung.

Computer bewerten die Partiestellung nach 24..Te6 mit 0.00

25.Dg4 (droht 26.Lxg7+ und 26.Dxe6). 25…De7 26.Sf3 c3 27.Sxc3 Txe1+ 28.Sxe1 Dxe1+ 29.Kh2 Sf6 30.Dxb4 Tb8 und W hat nichts erreicht, im Gegenteil, es droht 31…Lxg2.

25.Sg5 Txe1 26.Dxe1 hxg5 27.De4 Sd3 28.Txd3 Sc3 29.Dxb7 Tb8 30.Df7 Txb2 31.Txc3 Txb1+ 32.Sf1 d5. Er muss mit 33.Tf3 Lc5 34.Dh5+ remis machen.

25.Sf3 De7 26.Sd4 Te5 27.Sf3 wird zur Zugwiederholung.

25. Sg4 

Die kritische Stellung. Es droht 26.Sxh6 Txh6 27.Sg5 Kg8 28.Se6 Txe6 29.Txe6 Dh4 30.Lxg7 und Schwarz fällt auseinander. Ich denke, Kasparow hat sich über den Textzug nicht gross Gedanken gemacht, sondern hat intuitiv den Angriff fortgesetzt.

25…Sf4 scheitert an 26.Sef6 Txe1+ 27.Dxe1 De7 28.Te3.

25…Dd7 verhindert 26.Sxh6, weil nach 26…Txh6 27.Sg5 die Doppeldrohung Sf7+/Se6 nicht mehr existiert. Es ist kaum eine Angriffsfortsetzung zu finden. Plausibel erscheint 26.Dd4 Sd3 27.Lxd3 cxd3 =.

25…Sd3, was Karpow nach der Partie vorschlug, wäre solide gewesen. 26.Lxd3 cxd3 27.Dd2 De8 28.Sxh6 Txe4 29.Txe4 Dxe4 30.Dg5 wäre auch nicht sooo einfach gewesen, wie die Kommentatoren es behaupteten. Karpow hatte noch 20 Minuten für 15 Züge übrig.

25… De8? 26. Sxh6 

Ab hier gebe ich Kasparows Analysen vom Youtube-Video „Kasparov’s mindboggling calculations“ wieder. Er brauchte für 26.Sxh6 fünf Minuten, und erklärte im Interview: „Ich habe nichts berechnet. Ich wusste, das muss gewonnen sein. Ich habe 7 Figuren im Angriff. Er verteidigt nur mit Turm, Läufer, Springer d5 und vielleicht noch mit der Dame. Ich tausche eine Angriffsfigur gegen eine Verteidigungsfigur.“ Damit meinte er seinen Lb2 gegen den Bauern g7. „Aber ich habe noch genug weitere Figuren.“

Auf 26…Txh6 zeigt er 27.Sxd6,.

Er setzt für Schwarz mit 27…Dd7 fort. 28.Dg4. Er erwähnt, dass Schwarz nach 28…Dxd6 29.Lxg7+ mattgesetzt wird. Dann zeigt er das Matt 28…Txd6 29.Dh5+, um zur „hübschen Kombination“ 28…Dxg4 29.Sf7+ Kg8 30.Sxh6+ gxh6 31.Txg4+ Kf7 32.Lg6+ Kg8 33.Lf5+ Kf7 34.Le6+ Ke8 35.Lxd5+ nebst 36.Lxb7 zu kommen.

Nachher zeigt er das relativ zähere 27…Dh5, das er während der Partie nicht gesehen hat, aber „was beweist, dass ich recht hatte“. Er setzt mit 29.Tg5 Dxd1 30.Sf7+ Kg8 31.Sxh6+ Kh8 32.Txd1 c3 fort und meint: „Das sieht sehr gut für Schwarz aus, aber“ 33.Sf7+ Kg8 34.Lg6, und hier lässt er Karpow sich mit 34.cxb2 35.Th4 mattsetzen.

Dann zeigt er noch 27…Dxe1+ 28.Dxe1 Txd6 und demonstriert 29.De4 Sd3 30.Dh4+ Kg8 31.Lxg7 Lxg7 32.Dg4, Feierabend.

26… c3

„Karpow versucht meinen Läufer einzusperren.“ Kasparow analysiert ganz selbstverständlich

27. Sf5 cxb2

ohne weitere Begründung zu 27.Sf5. Ebenso selbstverständlich frisst er den Lb2, und meint, „er killt den einen Läufer, aber den andern kann er nun nicht mehr einschliessen.“ In der Tat ist statt 27…cxb2 27…Tc8 wegen 28.Dg4 oder 28.Kh2 keine echte Alternative. „Ich habe immer noch 6 Angreifer, er aber nur 4 Verteidiger.“ Die Analyse von Alternativen ist tatsächlich überflüssig, Schwarz ist total verloren. Eigenartig, dass Houdini nach 27.Sf5 über eine Minute braucht, um das ebenfalls einzusehen.

„Dg4, jetzt Lc8 um ein wenig Spiel zu haben.“

28. Dg4 Lc8 29. Dh4+ Th6

29…Kg8 30.Kh2 und er hat keine Verteidigung gegen 31.Sg5. Er versucht mich zu stoppen.“

30. Sxh6 gxh6

„Und jetzt 31.Kh2, ein wichtiger Zug, weil nun der Turm ohne Schach hängt.“ 31.Te2 hätte übrigens denselben Effekt gehabt.

31. Kh2 De5 32. Sg5 Df6 33. Te8

„Nun habe ich nur noch 5 Figuren im Angriff. Aber er auch nur noch 3 Verteidiger. Fünf zu drei ist viel gefährlicher als sieben zu fünf. Er wird auf alles mattgesetzt, z.B. Lb7 Dh6+ und Sf7 matt.“

33… Lf5 

34.Sf7+ Dxf7 35.Dxh6+ Lh7 36.Txa8 wäre innert drei weiteren Zügen Matt geworden.

34. Dxh6+ Dxh6 35. Sf7+ Kh7 36. Lxf5+ Dg6

„Hier machte ich einen unverzeihlichen Fehler. Ich hätte mit 37.Txg6 mattsetzen können, aber ich wollte alle seine Figuren vom Brett nehmen.“

37. Lxg6+ Kg7 38. Txa8 Le7 39. Tb8 a5 40. Le4  Kxf7 41. Lxd5 1-0

Eine unvergessliche Partie. Ich halte zwei Dinge für bemerkenswert: Zum einen, wie sicher sich Kasparow war, dass 25…De8 ein entscheidender Fehler ist, und 26.Sxh6 durchdringen müsse, und das ohne viel zu rechnen, dazu immerhin in einer entscheidenden Partie um die Weltmeisterschaft. Das zweite ist, wie schwer sich das derzeit stärkste Computerprogramm Houdini in dieser Partie tut. Kasparows Einsicht in diese Sorte Stellungen ist den Rechenkünsten Houdinis überlegen. Es entsteht der Eindruck, dass er den Angriff rein intuitiv geführt hat. Tatsächlich könnte man mit den Varianten zu den Zügen 19 bis 25 ein ganzes Buch füllen, doch Kasparow hat immer nur scheinbar einfache Angriffszüge gemacht. Allerdings hätte er nichts gehabt, wenn Karpow im 25. Zug Dd7 oder Sd3 gewählt hätte, daher war 24.Dh5 anstelle von 24.Tg3 objektiv stärker.

 

Fabiano Caruana – Magnus Carlsen
77th Tata Steel Chess Masters Wijk aan Zee (6), 16.01.2015

Ich kommentiere diese Partie am Tag danach, dem 17.1.2015

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 g6 4.Lxc6 dxc6 5.d3 Lg7 6.h3 Sf6 7.Sc3 b6 8.Le3 e5

Eine vorbereitete Neuerung oder ein Versehen? Caruana überlegte 12 Minuten lang. War es möglich, dass Carlsen im 8. Zug einen Bauern einstellte? Carlsen hatte nur anderthalb Minuten nachgedacht. Caruana beschloss, ihm zu glauben.

9.Sxe5 Sxe4 10.Df3, jetzt kommt 10…Lxe5 12.Dxe4 f6 kaum in Betracht, es bleibt nur 10…f5, aber was soll Magnus hier grossartiges gefunden haben? Im Gegenteil, er macht einen passiven Verteidigungszug, Weiss hat die Initiative und kann zwischen 11.Lf4 11.0-0-0 und 11.Sxg6 aussuchen. Caruana kann keinesfalls schlechter stehen.

Meiner Ansicht nach wäre er methodisch verpflichtet gewesen, die Herausforderung anzunehmen. Er wäre reich belohnt worden.

11.Sxg6 hxg6 12.dxe4 0-0 13.Td1 De8 gewinnt einen Bauern, aber Schwarz hat Kompensation wegen dem möglichen  f5-f4, z.B. 14.0-0 f4 15.Lc1 Le5. Methodisch gesehen, ist 11.Sxg6 sowieso zweite Wahl, weil es die Initiative abgibt.

11.0-0-0 Sxc3 12.Dxc6+ Ld7 13.Sxd7, und jetzt

13…Dxd7 14.Dxa8+ Kf7 15.Df3 Sxd1 16.Txd1, der Mehrbauer ist gesund.

13…Sxa2+ 14.Kb1 Sb4 15.De6+ De7 16.Sxc5 bxc5 17.Dxe7+ Kxe7+ 18.Lxc5+ und gewinnt.

13…Tc8 14.De6+ De7 15.Dxe7 Kxe7 16.bxc3 Kxd7 (nicht 16…Lxc3 17.d4) 17.Kb2, Schwarz kämpft ums Remis.

11.Lf4 wäre das Anspruchsvollste. Laut Computer kann sich Schwarz mit 11…Dd6 vielleicht halten. Der Zug ist alles andere als offensichtlich, läuft er doch in die Gabel 12.Sf7 hinein. Nach dem „normalen“ 11…De7 12.dxe4 Lxe5 13.0-0-0 0-0 14.Lxe5 Dex5 15.Dxc6 fehlt Carlsen wiederum ein Bauer.

9.0–0 0–0 10.a3 De7 11.Db1 Sh5 12.b4 f5 

Das ist Magnus Carlsen! Er wird bei der ersten Gelegenheit konkret.

13.bxc5 f4 14.Ld2 bxc5

Natürlich. 14…Dxc5 repariert nur vermeintlich die Bauernstellung: 15.Db3+ Kh8 16.Db4, und nach 16…Dxb4 17.axb4 ist der a-Bauer eine tödliche Schwäche.

Angesichts des drohenden Königsangriffs muss Caruana so schnell wie möglich die Dame ins Spiel bringen. Das schnellste wäre 15.Sa4 Le6 16.Db2 g5 17.Dc3 g4 18.Dxc5 gewesen.

15.Db3+ Le6 16.Da4 Tac8 17.Da5 g5 18.Sa4 g4 19.hxg4 Lxg4 20.Dxc5 Df6

Im Vergleich zur Variante 15.Sa4 steht nun der Turm auf c8 statt auf a8. Caruana hat somit nur wenig falsch gemacht. Er stand nun vor der Wahl, den Turm von f1 wegzuziehen, um  mit dem König in die Mitte zu flüchten, und dem Partiezug 21.Sh2.

21.Tfb1 Dg6 22.Kf1 Sg3+!, jetzt verliert 23.fxg3 fxg3  24.Ke2 Dh5 25.Le3 Dh2, weil g2 und f3 fallen. Nachtrag: Jan Gustafsson kommentiert diese Partie auf Youtube. Die Rettung 23.Ke1 ist ihm entgangen. Er lässt Weiss mit 25.Kd1?? in ein Matt hinein laufen. Die einzige plausible  Verteidigung bestand noch in 25.Tf1 Dh2 26.Dg1 Txf3 27.Txf3 Lxf3+ 28.Kxf3 Tf8+ 29.Ke2 Tf2+ 30.Dxf2, aber das verliert auch.  23.Ke1. 23…Sxe4 24.Dc4+ Le6 25.Dxe4 Lf5 wird Remis. 23…Dh5 24.Lb4 Dh1+ 25.Kd2 Dxg2 26.Sxe5. Das Chaos ist ausgebrochen. Es geht weiter mit 26…Lxe5 27.Dxe5 Dxf2+ 28.Kc3 Se2+ 29.Kc4 c5 30.Lxc5 Tf7. Ausgleich, meint der Computer…

21.Tfe1 ist interessant. Das vermeidet die vorherige Variante mit Sg3+, weil er dann den Springer nehmen und mit dem König über e2 und d1 davon schleichen kann. Plausibel ist 21…Tf7 22.Tab1 Kh8, wonach Weiss doch 23.Sh2 spielen muss, weil sonst der Angriff zu stark wird.

21.Sh2 f3 22.Sxg4 Dg6 23.De7 fxg2 24.Tfb1 Dxg4 25.Dg5 De2 26.De3 Dg4 27.Dg5

Alles korrekt und forciert. Carlsen will mehr als Remis.

27…Dxg5 28.Lxg5 Sf4

Es droht 29…Sh3+. Die korrekte Verteidigung bestand in 29.Kh2 c5 30.Tb7 h6 31.Lh4 Tf7 32.Txf7 Kxf7 33.Sb2

Auch 29.Le7 Tf7 30.Lh4 c5 31.Lg3 c4 32.Sb2 sollte zum Remis reichen. Die Finesse besteht darin, dass er nach sofort 29.Lh4 c5 30.Lg3 Tc6 kein Schach auf b8 hat, wohl aber wenn der Turm auf f7 steht.

In diesen Varianten wirkt es sich aus, dass der schwarze Turm schon auf c8 steht, weil Caruana im 15. Zug ungenau gespielt hat.

Wie so oft, ist Tauschen ein entscheidender Fehler.

29.Lxf4? exf4 30.Kxg2 f3+

Mit 31.Kh3 hätte er ihn gezwungen, die Qualität zu nehmen, aber dann wäre sein König miserabel gestanden.

31.Kf1 Tf4

So aber steht er auf Matt.

32.c3 Td8 33.d4 Lh6

Nach 33…Lxd4 hätte Caruana wohl aufgegeben, aber das reicht natürlich auch.

34.Ke1 Txe4+ 35.Kd1 c5 36.Kc2 cxd4 37.Kd3 Te2 38.c4 Txf2 39.Td1 Te2 0–1

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