Impulsivität

GM Viktor Kortschnoi (2550) – FM Werner Kaufmann (2280)
Schweizerische Mannschaftsmeisterschaft 2010

1.Sf3 e6 2.g3 b6 3.e4 Lb7 4.d3 g6 5.Lg2 Lg7 6.0–0 d6 7.Te1 Sf6 8.Sc3 e5 9.d4 Sc6 10.d5 Se7 11.a4 a6

Um Missverständnissen vorzubeugen, Kortschnoi war 2010 noch voll im Saft und erregte ein halbes Jahr später ziemliches Aufsehen, als er Caruana mit Schwarz schlug.

Kortschnoi ist für seine impulsive Spielweise bekannt. In dieser Partie waren alle seine Fehler impulsive Entscheidungen.

Er ist hier einigermassen um gute Züge verlegen. Ich erwartete etwa 12.Sd2 0-0 13.Sc4, dann ist für mich mit 13…Sd7 nebst gelegentlich f7-f5 der Ausgleich in Griffweite.

12.Sh4 0–0

Er hatte einige Zeit für seinen Zug  gebraucht. Ich dachte, er wird doch nicht etwa f4 spielen wollen? Aber tatsächlich…

13.f4?

Ohne zu überlegen, mit grimmigem Gesichtsausdruck energisch gezogen, mit dem typischen Nachfedern bei Kraftzügen.

Dies ist kein Benoni, sondern ein Nilpferd, Herr Kortschnoi. Im Hippo ist es meist ungesund, f4 zu ziehen, weil mein Bauer nicht auf c5, sondern auf c7 steht, bereit, das weisse Zentrum auszuhebeln.

Hier wäre der objektiv stärkste Zug für mich gleich 13…c6 gewesen. 14.fxe5 dxe5 15.dxc6 Sxc6 mit leichtem Vorteil für Schwarz.

Erst das Zurückschlagen mit dem g-Bauern ist der eigentliche Fehler, aber es wird wohl keiner f2-f4 spielen, um mit dem Läufer zurückzunehmen.

13…exf4 14.gxf4 c6 15.dxc6 Sxc6 16.Sf3

Noch ein schwacher Zug. Einigermassen erträglich wäre 16.Le3 Te8 17.Lf2 gewesen.

Ich denke, er hat mich schon unterschätzt, obwohl er auf der Anreise seinen Mannschaftskollegen gegenüber mich als einzigen meiner Mannschaft als „nicht so schlecht“ qualifizierte. Wie auch immer, seine Stellung ist eine Ruine.

Die wenigsten unterschätzen ihren Gegner von vorneherein, auch wenn sie 300 Elo mehr haben. Es braucht eine zusätzliche Provokation. Ich, vermute dass sich Kortschnoi durch meine etwas ungewöhnliche Eröffnung provoziert fühlte und mir zeigen wollte, dass man gegen ihn nicht solches Zeug spielen konnte.

Erstaunlich, wie ein Spieler mit seiner Erfahrung die Eröffnung derart misshandeln konnte. Kortschnoi ist ein emotionaler Spieler und neigt zu impulsiven Entscheidungen.

Hippopotamus-Stellungen leiden immer etwas unter dem Raummangel, aber sie haben auch Vorteile. Der Wichtigste davon ist der c-Bauer, der in der Lage ist, das Zentrum ganz allein zu sprengen.

Zudem ist es eine weit verbreitete Ansicht, dass Weiss f2-f4 spielen müsse.

Ein Beispiel: GM Cvitan – FM Kaufmann, Weihnachts-Blitzturnier Zürich 2013. 1.d4 e6 2.c4 b6 3.a3 Lb7 4.Sc3 g6 5.d5 Sf6 6.e4 d6 7.f4?! Lg7 8.Sf3 0-0 9.Ld3 exd5 10.cxd5 Te8 11.0-0 c6 12.Lc4?! (dxc6, und der Nachteil hält sich in Grenzen) 12…cxd5 13.exd5.

Ich stehe besser. Es scheint, als ob auch GM der landläufigen Ansicht mehr trauen, als ihren eigenen Augen.

Einige der folgenden Züge beider Parteien sind ungenau, aber eine präzise Analyse würde Seiten beanspruchen, und wenig zum Thema „Fehler“ beitragen.

16…Sb4 17.f5 Te8 18.Lg5 Dc7 19.fxg6 hxg6 20.Dd2 Dc4 21.Lxf6 Lxf6 22.Kh1 Tac8 23.Tab1

Für Houdini ist seine Stellung noch -1.28 wert, erreichbar durch 23…Kg7.

Er hat in den letzten Zügen bewusst abgewartet, und mir die eine oder andere vorteilhafte Abwicklung angeboten. Auch hier musste ich mich entscheiden. Nichts tun oder zuschlagen? An Zügen wie Kg7, Lg7 oder La8 ist definitiv nichts falsch. Aber was, wenn er ebenfalls nichts tut? Ich begann zu rechnen:

23…Lxc3 24.bxc3 Sa2 25.Txb6 Lxe4 26.Txd6 Dxa4 27.Td4 Dc6 28.Td6 Dxc3 29.Dxc3 Sxc3 30.Txa6 Schwierig, schwierig. Vielleicht müsste ich 26…Sxc3 spielen? Das kostete eine Viertelstunde und noch mehr. Selber nichts tun liegt mir nicht. So entschloss ich mich denn für den einfachsten Zug, in der Hoffnung in einer technisch anspruchsloseren Stellung wenigstens einen kleinen Vorteil zu behalten.

Heute würde ich oben genannte Variante bedenkenlos eingehen. Damals dachte ich, dass alles genau berechnet sein will. Seither habe ich drei Jahre über Initiative nachgedacht, und weiss, dass das Eine das Andere ergibt.

23…Lxe4 24.Sxe4 Txe4

Er sollte zunächst 25.Txe4 Dxe4 26.Te1 Dc4 27.c3 Sc6, und erst jetzt 28.Dxd6 Kg7 spielen, dann bekommt er mit 29.Sd2 auf einmal Gegenspiel auf der f-Linie. Für einen wie VK sollte das nicht allzu schwer sein. Aber er klopfte a tempo und ziemlich geräuschvoll auf d6 hinein, viel zu impulsiv.

25.Dxd6? Txe1+ 26.Sxe1?

Schon wieder a tempo. Das war offenbar seine Idee bei 25.Dxd6 gewesen. Dummerweise verliert das wegen 26…Da2 27.Dd1 Lxb2

27.Td1 Td8 geht nicht. Ich sah es nicht, und spielte das offensichtliche…

27…Kg7

…was ihn trotzdem vor eine fast unlösbare Aufgabe stellte. Er hätte 27.Dxb6 Da2 28.Td1 Dxb2 mit Schwindelchancen versuchen sollen.

27.c3 Da2 28.Le4 Tc4 29.Ld3

Bei Gott, ich habe es gesehen! Na ja, so schwer war es auch wieder nicht.

29…Td4 30.cxd4 Sxd3 und er verliert eine Figur, wegen 31.Td1 Sf2+. Zur Strafe musste ich mir das von VK nach der Partie auch noch unter die Nase reiben lassen.

Hier kam geistige Müdigkeit ins Spiel. Die Partie war eh nicht einfach, und zudem musste ich überall auf Kortschnois Tricks aufpassen, dafür ist er berühmt. An dieser Stelle war ich knapp an Zeit und schon so kaputt, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich unternahm zwei Anläufe, die Variante zu überprüfen, aber alles verschwamm vor meinen Augen, und die Zeit ging langsam aus. So nahm ich den Spatz in der Hand. Wie Sie schon mehrfach sahen, neige ich im Zweifelsfall zum „sicheren“ Gewinnweg.

Es entstand ein anspruchsloses, technisch gewonnenes Endspiel, das ich in meinem Zustand gerade so über die Runden schleppen konnte.

29…Sxd3 30.Dxd3 Dxa4 31.Sg2 Dc6 32.Td1 b5 33.Kg1 Tg4 34.De2 Te4 35.Df3 Dc5+ 36.Kh1 De5 37.Tf1 Te2 38.Tf2 Txf2 39.Dxf2 De4

Zeitkontrolle geschafft, und erst noch den Turm getauscht.

40.Kg1 Db1+ 41.Se1 a5 42.Dd2 De4 43.Sc2 Le7 44.b4 axb4

Für einmal ist der Spatz in der Hand in Ordnung. Es gab stärkere Züge als axb4, aber meine Wahl gewinnt völlig einfach.

45.cxb4 Lf6 46.Kf2 Le5 47.Kg1 Dc4 48.Kg2 Lc3 49.Df2 Lxb4??

Nach 49…Kg8 hätte er aufgegeben. Ich fiel auf seinen allerletzten Trick hinein. Bitter, bitter, einen Zug vor Schluss. Bleibt anzumerken, dass auch das ein impulsiver „Na-endlich-Zug“ war.

50.Dd4+ Dxd4 51.Sxd4 Lc3?

Er freute sich kindlich über meinen Patzer. Das Verrückte ist, dass ich mit 51…Kf6 52.Sxb4 Ke5 53.Sc7 Ke4 wegen seinem verlaufenen Ross beste Gewinnchancen behalten hätte. Nachträglich betrachtet wäre es für mich die grösste Genugtuung gewesen, ihn damit ins Elend zu stürzen.

Trotz langer Analysen habe ich nicht feststellen können, ob 51…Kf6 wirklich gewinnt. Auch Kortschnoi war sich der Sache nicht sicher, denn er blieb auch nach meinem Patzer eisenhart am Brett sitzen, wie schon die ganze Partie über. Erst jetzt begann er, herumzuspazieren, und bot im übernächsten Zug Remis an.

Ich warte sehnlichst auf die 7-Steine-Tablebase, die wird mir Auskunft geben, ob es noch gewonnen gewesen wäre, oder nicht.

So aber kehrt das Ross über c2 zu den Seinen heim.

52.Sxb5 Le5 53.Sa3 ½–½

Nach der Partie gab es Komplimente von meinem grossen Gegner: „Chaben Sie mich gespielt an Wand“. Ein schwacher Trost, aber immerhin. Diejenigen, die schon gegen ihn gespielt haben, wissen was das wert ist. Normal ist etwa: „Chaben Sie keine Ahnung“.

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