Evans‘ Gambit

Ich habe in den letzten Wochen mein Buch „Zwingende Züge“ völlig überarbeitet. Jetzt, im November 2018, bin ich gerade dabei, die Partien von 2017 und 2018 durchzusehen. Ich sehe mich genötigt, dazu etwas zu schreiben.

Zusätzlich habe ich in YouTube hinein geschaut. Es gibt doch schon ein paar Beiträge über Evans‘. Der beste davon ist noch „EVANS GAMBIT —- All variations explained for players want result“, und – im Ernst, trotz der Grammatik – der Vortrag ist einigermassen ansprechend, verglichen mit der Langeweile, die andere Autoren verbreiten. Aber in kritischen Stellungen verliert er sich in allgemeinem Gewäsch.

Auf Deutsch gibt es den Beitrag von Nikolas Lubbe von Chess64. Nicht schlecht, aber man merkt ihm schon an, dass er vom Gambit keinen Dunst hat, und einfach die meist gespielten Züge mit den Computervarianten dazu rezitiert. Ganz nebenbei würde ich erwarten, dass er nach…

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4

…die moderne Hauptvariante 7.Db3 bespricht. Tut er aber nicht. Für ihn existiert nur 7O-O. Dann deklariert er die Stumpfsinns-Variante 7…Sge7 8.Sg5 d5 9.exd5?! Se5 als Hauptvariante. Er setzt mit 10.Dxd4?! f6 11.Te1 Lb6 12.Dh4 fort, was theoretisch wegen 12…Lf5 zweifelhaft ist. Er empfiehlt darauf 13.Sf3 und lässt  Schwarz den einen oder anderen Fehler begehen. Der Zug wird durch 13…g5 widerlegt, und es steht -1.

Immerhin entdeckt er den Gewinnzug  1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.O-O d6? 8.Db3 De7? 9.e5 dxe5 10.cxd4 exd4 11.Sbd2

In Evans‘ Gambit genügt es nicht, Stockfish ein paar Sekunden laufen zu lassen und dann den Topzug als Hauptvariante zu nehmen.

Zum Partienteil. Der Elo-Schnitt der Spieler lag um 2400 und es gab kaum eine Partie,  in der eine Partei weniger als 2200 Elo hatte.  ABER: Die Theorie-Kenntnisse halten sich sehr im Rahmen.

Trotzdem hier ein paar theoretisch interessante Beispiele:

Valerio Cernicelli (2248) – Pierluigi Basso (2448)
Dolomiti Open 2017

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. b4 Lxb4 5. c3 La5 6. d4 exd4 7. Db3 De7 8. O-O Lb6 9. cxd4 Sxd4 10. Sxd4 Lxd4 11. Sc3 Sf6 12. Sb5

Nigel Shorts Zug aus Short-Nielsen, Skanderborg 2003, in der nun 12…d5 kam, was eine lange Remisvariante ergibt.  Der Zug ist zweifelhaft. 

Die Hauptvariante lautet 12.La3 d6 13.Tad1 Lxc3 14.Dxc3 De5 15.Dc1 O-O.

12…Lxa1 13.Sxc7+ Kd8 14.Sxa8 Ld4 15.Lf4 d6 16.Td1 Lc5 17.e5 Sg4

Beide Spieler sind der Computer-Empfehlung gefolgt.  Der Bf2 hängt nicht wirklich, wohl aber der Be5. 

18.Lf1 Sxe5 19.Dc3 Ld7 20.Da5+ b6 21.Dxa7 Lc8 22.Da4 war die korrekte Fortsetzung.

18.exd6? Df6 19.Df3 Sxf2 20. Tf1 Dxf4 21.Dxf4 Sh3+ 22.Kh1 Sxf4 23.Txf4 f5 0-1


Siem van Dael (2233) – Frans Konings (2244)
Utrecht 2017

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 b5

Diesen Trick habe ich nicht gekannt. Es sieht wie ein solider Weg zum Ausgleich aus.  Er kam schon in Breyer-Schlechter, Baden-Baden 1914 vor. Dort kam das ambitioniertere 7.Ld5

7.Lxb5 Sxd4 8.Sxd4 exd4 9.Dxd4 Df6 10.O-O Lb6

Weiss tauschte jetzt die Damen, was er natürlich unterlassen sollte. Die Partie endete trotzdem remis, nach 120 Zügen.


David Silva (2216) – Michel Diaz Perez (2386)
Capablanca Memorial, Kuba 2017

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 Le7 6.Db3

Auch das offenbar ein Versuch, der Modevariante 6.d4 Sa5 7.Ld3 d6 zu entgehen.

6…Sh6 7.d4 Sa5 8.Db5 Sxc4 9.Lxh6 gxh6 10.Dxc4 d6

Hübsch. Vorsichtiger war nun 11.O-O Tg8 12.Sbd2 Lh3 13.Se1

11.dxe5?! Tg8 12.g3 Lh3 13.Sbd2 Dd7 14.Tb1?! c6?!

Mit 14…O-O-O kommt er in Vorteil. Aber auch so hat Weiss beträchtliche Probleme, die er in der Folge nicht in den Griff bekommt.

15.exd6 Lxd6 16.Sd4 O-O-O 17.S2b3 Tge8 18.f3 Te5 19.Da4 a6 20.Sa5 c5 21.Dxd7+ Txd7 22.Se2 Lg2 23.Kf2 Lxh1 24.Sc4 Lxf3 25.Kxf3 Lc7 26.Sxe5 Lxe5 27.Ke3 b5 28.a4 Tb7 29.axb5 axb5 30.Kd3 Kc7 31.Tf1 Kd6 32.Ta1 b4 33.Tb1 Kc6 34.cxb4 cxb4 35.Kc4 Ld6 36.Sd4+ Kd7 37.Sf5 Lf8 38.Td1+ Ke6 39.Td5 Kf6 40.h4 b3 41.Td1 b2 42.Tb1 Ke5 43.Kd3 h5 44.Se3 Tb3+ 45.Ke2 Kd4 46.Td1+ Kxe4 47.Sf1 Lb4 48.Tb1 h6 0-1


Niclas Huschenbeth (2581) – Aleksandr Karpatchev (2513)
Pfalz Open 2017

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 Le7 6.d4 Sa5 7.Ld3 d6 8.dxe5 dxe5 9.Sxe5 Sf6 10.O-O O-O 11.Dc2

Ich halte MVLs 11.Sd2 für stärker, weil dann die Dame nach e2 gehen kann.

11…c5 12.Sd2 Dc7 13.f4 b6 14.c4 Lb7

Genau das da sähe doch mit der Dame auf e2 viel chicer aus.

15.Sdf3?! Tad8 16.Lb2?!

Die letzten zwei Züge waren verfehlt, weil sie den f-Bauern im Stich liessen. 16…Sh5 17.g3 f6 18.Sg4 Sxf4 19.gxf4 Dxf4 wäre des Computers Strafe dafür gewesen.

16…Txd3?! 17.Dxd3 Sxe4 18.Tae1 f6 19.Txe4 Td8 20.Dc2 Lxe4 21.Dxe4 fxe5 22.Sxe5 Lf6 23.Lc3 Db7 24.Df5 Dc8 25.Dh5 Db7 26.Te1 Tf8 27.Lxa5 bxa5 28.Df5 Lxe5 29.Dxe5 Df7 30.Te4 Tc8 31.h3 h6 32.Kh2 a4 33.h4 Tc7 34.f5 Tc8 35.Tg4 Tc6 36.Kh3 Tf6 37.Tf4 Tc6 38.g4 Tc8 39.Te4 Td8 40.Kg3 Td3+ 41.Kf4 Df6?

Niclas hat ordentlich Druck gemacht, aber nach 41…Td1 wäre es in der Remiszone geblieben.

42.g5 hxg5+ 43.hxg5 Dxe5+ 44.Txe5 Td4+ 45.Te4 Td2 46.a3 Kf7 47.Te6 Td4+ 48.Ke5 Txc4 49.Ta6 Tc1 50.Txa4 c4 51.Txa7+ Kf8 52.g6 c3 53.Kd4 c2 54.Kc3 Ke8 55.f6 gxf6 56.g7 1-0


Matej Hrabusa (2386) – Radek Londyn (2427)
Prag 2018

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 d6 7.Db3 Dd7 8.Sbd2 Lb6 9.a4

Nigel Short hat im Gambit so gut wie alles erfunden, auch das da. Der Zug punktet mit 70% recht gut, obwohl es objektiv nach 9…Sf6  -0.5 steht. Die Leute fürchten sich vor 9…Sf6 10.a5, siehe nächste Partie.

Schwarz tut ihm den Gefallen und öffnet die Stellung, wonach wir in den Genuss eines echten Gambits kommen.

9…exd4 10.cxd4 Sxd4 11.Dc3 Sxf3+ 12.gxf3 Sf6 

Jetzt zahlt es sich aus, dass der weisse König in der Mitte geblieben ist.

13.a5 Lc5 14.Tg1 Tg8?

Objektiv waren nur noch 14…d5 15.exd5 c6 und 14…De7 15.Sb3 Le6 spielbar. Es folgt ein hübsches kleines Massaker.

15.Sb3 Dh3 16.Sxc5 dxc5 17.a6 b6 18.Lg5 Kf8 19.Tg3 Dh5 20.De5 Dg6 21.Dxc7 Le6 22.Dd6+ Ke8 23.Lb5+ 1-0


Bilel Bellahcene (2452) – Andrei Istratescu (2596)
Frankreich 2017

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 d6 7.Db3 Dd7 8.Sbd2 Lb6 9.a4 Sf6 10.a5 Sxa5 11.Txa5 Lxa5 12.dxe5 Sg4 13.exd6 O-O 14.h3 Sh6 15.dxc7 Dxc7

So widerlegt man das.

16.Sd4 Ld7 17.O-O Kh8 18.S2f3 Tac8 19.Ld5 Lxc3 20.Le3 Lxd4 21.Sxd4 Sg8 22.Lxf7 Sf6 23.Se6 Lxe6 24.Lxe6 Tce8 25.f3 b6 26.Tc1 De5 27.Lf5 g6 28.f4 De7 29.Lg4 Dxe4 30.Lf2 Dxf4 31.Tc4 Te4 32.Txe4 Dxe4 33.Lf3 De5 34.Da3 Tf7 35.Da4 Td7 36.Dc6 Tc7 0-1


Semjon Lomasov (2549) – Igor Lysjy (2630)
Jaroslawl 2018

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 d6 7.Db3 Dd7 8.O-O Lb6 9.Sbd2 Sa5 10.Dc2 Sxc4 11.Sxc4 Dc6

Nach diversen leidvollen Erfahrungen haben die Schwarzen heraus gefunden, dass man die Variante nur so spielen kann.

Aber warum tauschen eigentlich alle auf c4? Gut, 10…exd4 11.cxd4 Se7 sieht verdächtig aus, aber stimmt das wirklich? Und warum versucht keiner 10…f6, gegen das immerhin Short einmal verloren hat?

12.Sxb6 axb6 13.dxe5 dxe5 14.Sxe5 Da4 15.Dd3 Sf6 16.Lg5 Dxe4 17.Db5+ c6 18.Dxb6 O-O 19.Lxf6 gxf6 20.Tae1 Dd5 21.Sf3 Txa2

Es ist natürlich tot remis, aber…

22.Te3 Ta6 23.Dc7 c5 24.Dg3+ Kh8 25.Tfe1 Te6 26.Df4 Dd6 27.Dh6 Txe3 28.fxe3 Tg8 29.e4 Lg4?

Weiss hatte die Stellung bereits erfolgreich herunter gewirtschaftet. Igor übersieht die Drohung…

30.e5 Da6??

…was aber kein Grund war, die nächste auch noch zu übersehen. 30…Df8 31.Dxf6+ Dg7 wäre remis geworden.

31.e6 1-0

Wegen 31…Lxe6 32.Dxf6+ Tg7 33.Sg5


Vitalijs Samolins (2406) – Eriks Mierins (2248)
Riga 2018

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.O-O Sf6

Doch noch eine meiner Leib- und Magenvarianten, der Tschigorin.  8.La3 ist der empfohlene Zug.

8.e5 d5 9.exf6 dxc4 10.fxg7 Tg8 11.Te1+ Le6 12.Lg5 Dd5 13.Sbd2 Txg7 14.Se4 Tg6 15.Sh4 Txg5 16.Sf6+ Ke7 17.Sxd5+ Txd5 ist ebenfalls spielbar.

8.La3 d6 9.e5 dxc3?!

Zuviel des Guten.  Es wurde zwar schon probiert, aber 9…Se4 10.exd6 cxd6 ist definitiv am besten hier. Weiss kann dann zwischen 11.De2, 11.Dc2 und 11.Ld5 aussuchen.

10.exf6 Dxf6 11.Da4 Ld7 12.Tc1 g5?

Er glaubte wohl selbst nicht an seine Stellung, sonst hätte er nicht diesen Harakiri-Zug gemacht. Weiss hat die letzten beiden Züge nicht optimal gespielt. 12…O-O und seine Stellung war okay.

13.Lb5 g4 14.Lxc6 Lxc6 15.Dxa5 gxf3 16.Dxc7 Td8 17.Te1+ Kf8 18.Sxc3 Tg8 19.g3 Tg6 20.Tad1 Dh4 21.Txd6 Tdxd6 22.Dxd6+ 1-0


Brandon Clarke (2362) – Timur Gareev (2590)
Canberra 2018

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lb6 5.a4 a6 6.Sc3 Sf6 7.O-O d6 8.Sd5

Die grosse Mode heutzutage. Schwarz macht einen frechen Zug. Ein probates Mittel für einen Elo-Favoriten.

8…Sxe4 9.d3 Sf6 10.Lg5 Le6 11.Lxf6

Dazu bestand nun wirklich kein Grund (Tauschverbot!). 11.c3 Lxd5 12.Lxd5 war der Härtetest.

11…gxf6 12.a5 La7 13.Sh4?! h5 14.c3 f5 15.g3 Se7?! 16.Sxe7 Dxe7 17.Lxe6 Dxe6 18.Df3 d5?!

Das alles war die Folge von 15…Se7?!. Hier hätte er rochieren sollen. Weiss sollte mit 19.Tae1 die Rochade abwarten, 19…O-O-O und dann mit der Dame auf f5 nehmen.

19.Sxf5 O-O-O 20.Tfe1 Kb8 21.Tac1 f6 22.h4 c6 23.Kg2 Tdg8 24.Tc2 Tg4 25.Tce2 Ka8 26.Kh2 Th7 27.Kh1 Dg8 28.Kh2 Dg6 29.Tc1 Dg8 30.Kh1 De6 31.Tce1 Dd7 32.Kh2 Th8 33.Kh1 Dh7 34.Tc1 Dg8 35.Tce1 Dd8 36.Kh2 Dd7 37.Kh1 Td8 38.Kh2 Dh7 39.Kh1 Tdg8 40.Tg1 Lb8 41.Kh2 Dg6

Weiss hat sinnlos herum gezogen, aber Schwarz seine Stellung optimiert. Das ist nicht nur eine hübsche Falle, es droht auch Tf4.

42.Se7 e4 43.dxe4 dxe4?!

Er musste erst 43…Txh4+ 44.Kg2 einschalten, und erst dann 44…dxe4 spielen, denn jetzt ging 44.Txe4 Dxe4 45.Dxe4 Txe4 46.Sxg8.

44.Df5?! Txh4+ 45.Kg2 Dxf5 46.Sxf5 Tf4 47.Se7 Tg7 48.Sc8 Lc7 49.Td1?

Der Verlustzug.  Richtig war 49.Kf1 Tfg4 50.Th1

49…h4 50.Sb6+ Ka7 51.Td7 Txd7 52.Sxd7 hxg3 53.fxg3 Tg4 54.Te3 f5 55.Sc5 Lf4 56.Te1 Txg3+ 0-1

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