Steinitz-Gambit

1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.f4 exf4 4.d4 Dh4+ 5.Ke2

Wilhelm Steinitz vertrat als erster die Ansicht, dass der König nicht nur ein Angriffs- oder Verteidigungs-Objekt, sondern selber eine starke Figur sei, sogar in der Eröffnung. Er erfand dieses etwas skurril anmutende Gambit, und war bereit, es gegen jeden zu verteidigen. Im ersten Wettkampf um die Weltmeisterschaft 1886, gegen Johannes Zukertort, gewann er damit die entscheidende 20. Partie in nur 19 Zügen. Allerdings gegen einen geschwächten und desorientierten Gegner, der den physischen und psychischen Strapazen des Wettkampfs längt nicht mehr gewachsen war.

Wilhelm Steinitz – Johannes Hermann Zukertort
Erste Weltmeisterschaft, New Orleans , 29.03.1886
1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.f4 exf4 4.d4 d5 5.exd5 Dh4+ 6.Ke2 De7+ 7.Kf2 Dh4+ 8.g3 fxg3+ 9.Kg2 Sxd4 10.hxg3 Dg4 11.De1+ Le7 12.Ld3 Sf5 [12…Kf8] 13.Sf3 Ld7 14.Lf4 f6 15.Se4 Sgh6 16.Lxh6 Sxh6 17.Txh6 gxh6 18.Sxf6+ Kf7 19.Sxg4 1–0

Zukertorts Eröffnung war schwach, er machte bereits im 12. Zug den Verlustzug, und stellte mit seinem 15. Zug eine Figur und mit dem 17. die Dame ein.

Das Gambit kam auch in der 4. Weltmeisterschaft 1892 vor, als es Michail Tschigorin als Weisser gegen Steinitz selber in der 21. Partie beim Stande von 10 zu 10 anwandte. Tschigorin kam besser aus der Eröffnung heraus, geriet aber nach einem Bauernraub in eine Verlust-Stellung, und rettete wie durch ein Wunder ein verlorenes Endspiel.

Neumanns Verteidigung

Gustav Richard Neumann war der erste, der Steinitz‘ Gambit annahm. In Steinitz – Neumann, Dundee 1867 kam

1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.f4 exf4 4.d4 Dh4+ 5.Ke2 d6 6.Sf3 Lg4 

Das ist bis heute die beliebteste Verteidigung geblieben.

7.Sd5 0-0-0 8.Kd3 ist unangebracht, weil das weisse Zentrum unter Beschuss kommt.

8…Dh6 9.Lxf4  Dh5 10.Le2 f5. Und jetzt 10.Le2 f5 11.Sg5 fxe4+ 12.Kd2 Lxe2 13.Dxe2 Dxe2+ 14.Kxe2 Sxd4+ 15.Kd2 Se7 16.Sxe7+ Lxe7 17.Sf7 Tdf8 18.Sxh8 Txf4 19.Ke3 Se6 20.Taf1 Tg4 21.g3 Lg5+ 22.Kf2 Kd7 23.Sf7 Lf6 (-+, Stockfish 5)

7.Lxf4

Schwarz hat viele Versuche, von denen 7…Lxf3+ und 7.0-0-0 auf der Hand liegen.

Mit 7…f5 kamen die Weiss-Spieler schlecht zurecht.

In Gufeld – Anikajew, Nikolas 1981 kam 8.Ke3? Dh5?. 8.Ke3 kann direkt widerlegt werden: 8…Lxf3 9.Kxf3 [9.gxf3 g5 10.Lg3 f4+] 9…g5 10.Le3 f4 11.Lf2 g4+ 12.Ke2 g3 13.Lg1 0-0-0 mit klarem Vorteil.

In Awerbach – Trifunovic, Jugoslawien – UdSSR, Rijeka 1963 kam 8.Dd2 Sf6 9.exf5 0-0-0 10.g3? Dh5 11.Lg2 und nun wäre 11…Se5 stark gewesen. Weiss verliert nach 12.Taf1 Sxf3 eine Qualität, weil 13.Lxf3 wegen 13…Te8+ nicht geht.

8.Kd2 Df2+ 9.De2 Dxe2+ 10.Lxe2 Lxf3 11.Lxf3 Sxd4 12.Thf1 Sxf3+ 13.Txf3 fxe4 14.Sxe4 Kd7 (-0.22, Stockfish 5). Schwer zu sagen, ob die weisse Kompensation reicht.

8.exf5 0-0-0 9.g3 Dh5 10.Kf2 reicht zu gleichem Spiel. Schwarz sollte auf den Bauerngewinn nach 10…Lxf3 usw. verzichten, der weisse Entwicklungsvorsprung wäre zu gross.

7…Sf6 wurde auch schon versucht. Nach 8.g3 Dh5 9.Lg2 sind die Chancen verteilt.

7…0-0-0 geschah zum ersten Mal in Steinitz – Paulsen, Baden-Baden 1870, und ist die beliebteste Antwort.

8.Ke3 war Steinitz‘ Antwort, gemäss seiner Devise, dass der König eine starke Figur ist.  8.Lg3 Df6 9.Sd5?! Dg6 treibt nur die Dame auf ein besseres Feld. 8.Dd2 scheint wegen der Neuerung 8…Sf6 zweifelhaft. 9.d5 Se5 10.De3 Kb8, denn nun trifft 11.Sb5 auf 11…a6. Als Alternative ist nur die Neuerung 8.Le3 ernst zu nehmen.Der Computer schlägt 8…g6 9.Kd2 Lxf3 10.Dxf3 Lh6 11.Dg3 mit gleichem Spiel, vor.

8…Lxf3 9.Dxf3 tauscht ohne Not eine Figur. In Steinitz – Winawer, London 1883, kam nun 9…f5 10.d5 Sce7?!, wonach Steinitz mit 11.Kd2 in Vorteil kam. Korrekt war 10…Se5 11.Dg3 De7 12.Kd2 mit gleichem Spiel. 9…g5 10.Lg3 Dh6 11.Sd5 g4+ 12.Df4 De6 13.Df5 steht ebenfalls gleich.

8…Dh5 9.Le2, nun schwenkte Paulsen unmotiviert mit 9…Da5 zum Damenflügel und stand nach 10.a3 schon schlecht. Der allwissende Portisch spielte in Barle – Porisch, Portoroz 1975, das korrekte 9…g5. 10.Sxg5 Sf6, und bekam nach 11.h3?! Lxe2 12.Dxe2 Dg6 13.d5 Se5 eine gute Stellung. 11.d5 Se5 12.Kd2 wäre ausgeglichen gewesen.

8…De7 aus Michail Zeitlin – Juri Anikajew, Tscheljabinsk 1975, stellt Weiss die schwierigere Aufgabe. Auch da ist 9.d5 der Schlüsselzug. 9…Se5 10.Dd4 c5 11.Da4 a6 12.Lxe5 dxe5 und nun reicht das Läuferopfer 13.Lxa6 schon mindestens zum Remis.

Englischs Verteidigung

1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.f4 exf4 4.d4 Dh4+ 5.Ke2 d5 6.exd5

6.Sxd5 Lg4+ 7.Sf3 0-0-0 8.Lxf4 Sf6 ist viel zu gefährlich, und es hat sich auch noch nie jemand getraut, so zu spielen.

6.Sf3 De7 7.Lxf4 Sf6 8.e5 f5 9.Le3 Se4 10.Sxd5 Dd7 11.c4 0-0-0 ist etwas weniger gefährlich, aber immer noch wert, unterlassen zu werden.

6…De7+

Zuerst geschehen in Wilhelm Steinitz – Berthold Englisch, London 1883. Englisch strebte wohl ein schnelles Remis durch Zugwiederholung an…

7.Kf2 Dh4+ 8.g3 …aber Steinitz wollte nichts davon wissen.

8…fxg3+

Steinitz pflegte hier 9.Kg2 zu spielen. Auch 9.hxg3 ist möglich, was in Tschigorin – Winawer, Berlin 1897, geschah.

Winawer wählte 9…Dxd4+ 10.Le3 Dxd1 11.Txd1 Se5 und kam nach 12.Lf4 f6?! in Schwierigkeiten. Besser war 12…Sf6 13.Kg2 Sfg4, wonach Weiss erst noch beweisen muss, dass er für den Bauern etwas hat.

9…Dxh1 10.Lg2 Dh2 11.dxc6 Ld6 12.Df3 Sf6 13.cxb7 Lxb7 14.Dxb7 Dxg3+ 15.Kf1 0-0 16.Df3 Dg6 ergibt ein recht interessantes Spiel mit verteilten Chancen. Auch das passive 11…bxc6 anstelle von 11…Ld6 ist möglich.

9.Kg2 

Zukertorts 9…Sxd4 10.hxg3 Dg4 11.De1+ Le7 12.Ld3 aus der 20. Partie der WM 1886 war nun nicht gut.

9…Ld6 

Die Partie gegen Englisch wurde in der zweiten Runde von London 1883 gespielt. Steinitz nahm auf c6. 10.dxc6 gxh2 11.Df3 hxg1D+ 12.Kxg1 Dxd4+ 13.Le3 Df6 und hier beging er den entschedenden Fehler 14.De2?? Se7, wonach er nichts für die zwei Bauern hatte. Auch nach 14.Dg2 Dg6 15.Dxg6 fxg6 16.Lg2 b6 17.Sb5 Lf6 wäre er schlecht gestanden.

In der dritten Runde gegen Tschigorin machte er es besser: 10.De1+. Nun hätte Tschigorin auch 10…De7 11.Lg5 f6 12.dxc6 fxg5 13.Lb5 Kd8 14.hxg3 bxc6 15.Lxc6 Tb8 versuchen können. Er spielte 10…Sce7 11.hxg3 Dxd4 12.Th4 Df6 13.Se4 Dg6 und bekam nach 14.Ld3?! Lf5 recht. Auch nach anderen Zügen ist er mit seinem Mehrbauern etwas im Vorteil.

Zukertorts Gegengambit

1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.f4 exf4 4.d4 Dh4+ 5.Ke2 d5 6.exd5 Lg4+ 7.Sf3 

7…Sce7 ist einen Versuch wert, und geschah in Robert Schlamp – Peter Jürgens, Baunatal 1996. Schlamp schlampte denn auch mit 8.Ke1? Df6  9.Kf2 Lxf3 10.Kxf3 0-0-0 und verlor zu Recht. 8.d6 war seine beste Chance. 8…cxd6 9.Lxf4 0-0-0 10.Dd3 und sein König findet auf d2 ein sicheres Plätzchen, mit guten Chancen auf Vorteil.

7…0-0-0 8.dxc6 Lc5 9.cxb7+ Kb8 10.Sb5 

Das kam in Steinitz – Zukertort, London 1872, auf das Brett und entfachte weltweit hitzige Debatten. Aber gespielt wurde es seither nicht mehr. Doch, in zwei Simultan-Partien Emanuel Laskers gegen Walter Penn Shipley kam es vor. Lasker verlor beide Partien. Nun war aber Shipley ein grosser Schach-Mäzen. Lasker hat ihm wohl nicht nur mit der Wahl der Eröffnung einen Gefallen getan.

Nun, über die Korrektheit von Zukertorts Gegengambit können wir heute urteilen.

Zukertort spielte 10…Sf6 und Steinitz antwortete mit 11.Kd3,  wonach

11…Lxd4 12.Sbxd4 Txd4+ 13.Kxd4 Df2+ 14.Kc3 Dc5+ 15.Kb3 Db6+ remis durch ewiges Schach wird. Denn nach 13.Kc3 Sd5+ 14.Kxd4 Df6+ 15.Kc4 Dc6+ 16.Kd3 Td8 17.Kd2 Se3+ 18.Ld3 Sxd1 19.Txd1 stünde Schwarz besser.

11…Dh5 war Zukertorts Zug. Steinitz spielte

12.Kc3, wonach Zukertort mit 12…Lxd4? die Partie wegwarf. 13.Sbxd4 Dc5+ 14.Kb3 Db6+ 15.Lb5 Lxf3 16.Dxf3 Txd4 17.Dc6 und Steinitz behielt eine Figur mehr. 12…Se4+ 13.Kb3 a6 gewann die Figur zurück. 14.De1 Dd5+ 15.c4 Dxb7 16.dxc5 Sxc5+ 17.Ka3 axb5 18.Da5 Lxf3 und der Läufer ist tabu weil der Th1 hängt. Also 19.Lxf4 Se6 20.Lg3 Lxg2 mit Ausgleich.

12.c3 war somit der einzige Gewinnversuch. 12…Df5+ 13.Ke2 Se4 14.Ke1 The8 15.Le2 c6 gewinnt ebenfalls den Springer zurück, mit gleichem Spiel laut Stockfish 5. In einer Menschen-Partie wäre bestimmt Schwarz vorzuziehen, und Stockfish ändert denn auch nach ein paar weiteren Zügen die Meinung zugunsten von Schwarz. 14.Dc2 ist besser. 14…The8 15.Kd1 a6 verliert ebenfalls den Springer, aber hier kann Weiss zäher verteidigen. 16.h3 Lh5 17.Ld2 axb5 18.Kc1 18.Dd7 (0.00, Stockfish 5), aber auch hier gilt das oben gesagte. Schwarz ist im Vorteil.

Bisher ist bewiesen, dass 11.Kd3 höchstens Ausgleich gibt.

1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.f4 exf4 4.d4 Dh4+ 5.Ke2 d5 6.exd5 Lg4+ 7.Sf3 0-0-0 8.dxc6 Lc5 9.cxb7+ Kb8 10.Sb5 Sf6

11.c3 ist der Knackpunkt. 11…The8+ 12.Kd3 und Schwarz fehlt ein Damenschach auf f5. 12…Df2 13.Kc4 Se4 14.Kb3. Der König ist entkommen. 14…Le6+ 15.c4 a6 16.Sc3 Td6 17.Ld2 Tb6+ 18.Kc2 Lxd4 mit Vorteil für Weiss. 14…a6 15.Sa3 Lf8 16.Lxf4 Sc5+ 17.dxc5 Le6+ 18.Lc4 Txd1 19.Taxd1 Dxc5 20.Lxe6 Txe6. Weiss hat zwei Figuren und einen Turm für die Dame und ist damit materiell etwas im Vorteil. Trotzdem ist die Remis-Breite noch nicht überschritten.

Zukertorts Gegengambit ist also halb korrekt und daher spielbar. Allerdings scheinen mir die schwarzen Züge schwieriger zu finden, als die weissen.

 

 

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